Taugt Windows 8 als DAW für die Musikproduktion?

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Die Musikproduktion auf dem PC ist wohl eine der kritischsten Anwendungen überhaupt. Sie erfordert ein wirklich 100% stabiles System und kann einen Rechner bis über seine Leistungsgrenzen hinaus auslasten. Momentan ranken sich wieder einige Mythen um schlechte DCP Latenzen und ob Windows 8 überhaupt als DAW (Digital Audio Workstation) tauge. Ich habe mir das mal genau angesehen.

Die Recording-Foren quellen gerade wieder über wenn es um das Thema Windows 8 und Musikproduktion geht. Besonders wird ein Thema aufgerufen: Die schlechten Werte beim DPC-Latency-Checker.

Zu Erklärung: Der „Deferred Procedure Call“ ist ein Mechanismus bei Windows, der es dem Betriebssystem erlaubt, Aufgaben mit hoher Priorität den Vorrang vor anderen Aufgaben zu geben. So eine Aufgabe mit hoher Priorität könnte z. B. der Datenverkehr einer Netzwerkkarte sein, die in der Tat häufig für DPC-Spitzen verantwortlich sind.

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Für den Musiker bedeuten hohe DPC-Werte, dass es Aussetzer bei der Aufnahme und Wiedergabe gibt. Um diese DPC-Latenz zu messen, gibt es den kostenlosen DPC-Latency-Checker.

Unter Windows 7 zeigt dieser, auf einem für Audio-Aufgaben geeigneten System, typische Werte von wenigen Mikrosekunden bis gut 200 Mikrosekunden.

 

DPC Latenzen unter Windows 7

Unter Windows 8 zeigt diese Tool aber nun wohl bei nahezu allen Anwendern Werte von über 1000 Microsekunden, was tatsächlich deutlich zuviel wäre … wäre es Windows 7.

DPC Latenz unter Windows 8

Hakt man in den Foren ein bisschen nach, ob denn derjenige überhaupt Audio-Probleme (Aussetzer, Knackser etc.) hätte kommt häufig heraus, dass eigentlich alles wunderbar läuft.

Genau das ist auch meine Beobachtung, die ich mit den DAWs Steinberg Cubase 5.5, Ableton Live 8.4, Studio One 2.06, Samplitude Pro X und Reaper 4.26 gemacht habe.

Grundlage meiner Beobachtungen war der Rechner, den ich in meinem Bericht über Windows 8 bereits genauer spezifiziert habe. Zudem war ein MOTU 828 Mk II Firewire-Audiointerface mit den neusten Treibern am Start. Bei meinem Windows 8 handelt es sich um die finale 64-bit Verkaufsversion Windows 8 Pro, also keine Consumer Preview oder RTM.

Windows 8 Pro

Bei mir zeigt sich ganz deutlich, dass Windows 8 trotz vermeintlich höherer DPC-Latenzen absolut stabil und „knackfrei“ läuft. Mehr noch: Ich erreiche hier deutlich geringen Ein- und Ausgangslatenzen mit meinem Audiointerface, als unter Windows 7. Gleichzeitig ist bei gleichen Projekten die Systemlast – je nach DAW-Software – um bis zu 15% geringer. Mit dem MOTU 828 Mk II erreiche ich nun stabile 64 Samples, wohin gegen es unter Windows 7 128 Samples sein mussten, wollte man ohne Aussetzer arbeiten.

Analysen und Folgerungen: Wer viel misst, misst viel Mist!

Microsoft hat bei Windows 8 sehr viel unter der Haube gedreht, was durch die Diskussionen über „The GUI formerly known as Metro“ meist völlig unterging. So wurden viele Systemdienste entweder komplett abgeschafft oder werden „on demand“ gestartet. Das kann man schon daran erkennen, dass Windows 8 deutlich weniger RAM belegt als Windows 7. Auch der Zugriff auf SSD-Laufwerke wurde verbessert. Noch tiefer im System wurden z.B. die Kernelzugriffe verringert, was ohnehin zu besseren Eigenschaften für Audioanwendungen führt.

Wie schon mein alter Dozent – ein Dipl. Ing. für Nachrichtentechnik zu sagen pflegte: „Wer viel misst, misst viel Mist!“ Und genau das haben wir beim Thema Windows 8 und DPC-Latenzen! Jeder stürzt sich wieder einmal darauf, was die Messtools anzeigen, ohne das kritisch zu bewerten und ohne überhaupt zu wissen, was er da eigentlich misst. Denn eigentlich ist alles noch viel einfacher:

Hätte man auf der Seite der Programmierer des DPC Latency Tools mal genau nachgelesen, hätte folgendes sofortige Erleuchtung gebracht:

Windows 8 Compatibility: The DPC latency utility runs on Windows 8 but does not show correct values. The output suggests that the Windows 8 kernel performs badly and introduces a constant latency of one millisecond which is not the case in practice. DPCs in the Windows 8 kernel behave identical to Windows 7. The utility produces incorrect results because the implementation of kernel timers has changed in Windows 8 which causes a side effect with the measuring algorithm used by the utility. Thesycon is working on a new version of the DPC latency utility and will make it available on this site as soon as it is finished.

Tja, eigentlich läuft ja alles wunderbar, aber das Tool sagt, es läuft überhaupt nicht gut! Der Grund ist, das Tool misst einfach falsche Werte!

Auf Hardware, auf dem DAW-Anwendungen unter Windows 7 schon gut lief, werden diese unter Windows 8 mindesten genau so gut funktionieren, oder wie in meinem Fall sogar deutlich besser. Auch wenn viele Hersteller sich noch zieren ein „Windows 8 compatible“ auf die Packung zu kleben konnte ich feststellen, dass es weder mit Cubase 5.5, Ableton Live, Reaper, Samplitude Pro X oder Studio One 2 Probleme gab.

Wenn man die Screenshots des DPC-Latency Checkers in den Foren miteinander vergleicht fällt auch auf, dass sie praktisch überall gleich aussehen – auch das sollte einen stutzig machen.

Zwar habe ich Cakewalk nicht in meine Tests mit einbezogen, aber die Programmierer von Cakewalk haben sich auch einmal sehr genau der Windows 8 Thematik angenommen und kommen zu einem ganz ähnlichen Ergebnis: http://blog.cakewalk.com/windows-8-a-benchmark-for-music-production-applications/

Das Fazit von den Cakewalk-Leuten über Cakewalk X1 und Windows 8 ist: Keine Probleme, bessere Performance und auch ohne spezielle Anpassungen von Cakewalk läuft es bereit jetzt absolut stabil und performant.

Fazit:

Die Diskussionen über die DPC-Latenzen sind einfach Dünnsinn ohne jegliche Grundlage, denn hätte man mal genau hingesehen hätte man festgestellt, dass das „Messgerät“ einfach falsche Werte ausgibt.

Der Abschuss ist allerdings ein ein Tool, das sich „SmithsonMartin DPC Latency Enhancer“ nennt und Verbesserungen der Latenz verspricht. Lasst bitte von solchem Blödsinn die Finger, denn es wird nirgends erklärt wie das funktionieren soll und DPC-Latenzen lassen sich nicht so einfach tweaken.

Windows 8 ist wohl die bisher stabilste Windows-Plattform für Audio-Anwendungen und Recording. Teilweise sind dramatisch bessere Performance-Verbesserungen bei gleicher Hard- und Software feststellbar, die unter Windows 7 nur mit Investitionen in Hardware zu erreichen wären. Es gibt also keinen Grund, sich als Musiker nicht auf Windows 8 zu freuen … und auch das mit der Modern UI ist wirklich nicht so wild und teilweise sogar ganz praktisch.

12 Stimmen mit u-he DIVA gleichzeitig bei 5,6% CPU Auslastung

Der hervorragender, aber als CPU-Fresser bekannter Synthesizer DIVA von u-he benötigte bei 64 Samples und 12 Stimmen gleichzeitig gerade mal 5,6% der CPU. Unter Windows 7 kam ich gerade mal auf 96 Samples und hatte fast 9% Auslastung. Noch Fragen?

 

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