Warum Hardware-Synthesizer nichts für mich sind

Hardware-Synthesizer und Modularsysteme sind nicht zuletzt durch Behringer sehr erschwinglich geworden. Ich habe den Deepmind 6, Model D und Behringer Odyssey probiert. Warum das (fast) alles für mich nichts ist, erfährst du hier.

Als ich mit etwa 14 Jahren mit dem Musikmachen begonnen habe, waren Hardware-Synthesizer ganz normal. Es war 1985 und damit die Blütezeit von Synthesizer-Legenden wie dem Yahama DX7, dem Roland D50 oder dem Roland JX-8P. Monotone Synthies ohne Presets wie der Minimoog oder auch ein Arp Odyssey waren nicht mehr sonderlich gefragt und verstaubten als Inzahlungnahmen bei den Musikhändlern. Der Sound dieser Zeit und damit auch dieser „modernen“ Synthesizer hat mich geprägt. Bei meinem ersten Live-Auftritt, war der „Headliner“ eine AOR-Band aus Erlangen, die eben mit einem Roland JX-8P und einem D50 am Start waren und ich dachte: „Hey, das klingt ja genau so wie bei den großen Bands!“.

Unser damaliger Keyboarder hatte einen Casio CZ1000 dessen Möglichkeiten wir mit einem Yamaha SPX90 Effektgerät aufgepeppt haben. Bei den späteren Proberaum-Nachbarn fand man dann z. B. einen Korg Poly800, einen Ensoniq Mirage oder einen Siel Opera 6. Auch ein Moog Prodigy war dabei, der mich immer sehr fasziniert hat, weil er so fett klang.

Als Bassist schielte ich immer mal wieder auf einen Moog Taurus, da das durch Bands wie Rush, Genesis, Yes oder Saga eine feste Größe in meiner Musikwelt war. Zu der Zeit als diese Teile einigermaßen erschwinglich waren, konnte ich sie mir nicht leisten und als ich sie mir leisten konnte, waren sie unverschämt teuer geworden.

Keine Produkte gefunden.

Gleichzeitig hatte ich schon seit meiner Kindheit eine Schwäche für elektronische Musik – allen voran die von Jean Michel Jarre. Ich wollte auch immer solche Musik machen, aber die Geräte dazu waren einfach unerreichbar. Gegen 1998 habe ich mit der Musikproduktion auf dem PC begonnen. Cubase VST, Emagic Logic und Samplitude 2496 waren meine ersten DAWs. Gerade mit Cubase kamen auch die ersten VST-Instrumente und obwohl die damaligen PCs damit noch ziemliche Probleme hinsichtlich Leistung und Latenz hatten war mir klar, dass mir das die Welt eröffnet, auf die ich immer Zugriff haben wollte. Ich bin kein virtuoser Keyboarder, kann aber meine Ideen darauf umsetzen.

Samplitude 5.3

Im Laufe der Jahre entwickelten sich unzählige Anbieter von Software-Instrumenten und ich hatte nur ein Master-Keyboard und meine DAW. Ein Novation KS5 gesellte sich auch irgendwann dazu, weil mir der Sound des K-Station Plugins gefiel und ich den KS5 günstig bekommen hatte.

Novation KS5

Auch eine Novation Bassstation 2 steht im Studio. Diese war mal als Bass-Synthesizer für mein DIY-MIDI-Basspedal gedacht.

Synthesizer-Träume von damals zum Mitnahmepreis von Behringer

In den letzten Wochen habe ich mich umfangreicher mit den aktuellen Analog-Synthesizern beschäftigt – besonders mit denen von Behringer. In einem schwachen Moment habe ich im Affekt eine Bestellung ausgelöst: Behringer Deepmind 6, Behringer Odyssey und das Model D. Diesmal nicht bei meinem Stamm-Online-Händler, sondern bei Amazon. Hier gab es Versandrückläufer des Deepmind 6 für 427 Euro und 320 Euro für den Behringer Odyssey. Das Behringer Model D gab es neu für 263,00 Euro.

Testaufbau

Zwei Tage später stapelten sich die Kartons im Flur und ich verschanzte mich mit den Neuanschaffungen in meinem kleinen Studio. Erste Ernüchterung beim Behringer Deepmind 6: eine C-Taste ging deutlich schwerer als alle anderen, als ob sie kleben würde. Okay, erst einmal Nebensache.

Als Nächstes musste erst einmal die aktuelle Firmware drauf, denn der Lüfter des Deepmind war sehr laut und das wurde mit der neuen Firmware behoben. Dann folgte die komplette Kalibrierung des Deepmind, die etwas eine Stunde in Anspruch nahm und zu einer deutlich besseren Stimmung führte. Leider war das Pitchbend-Rad nur schlecht kalibrierbar und schwankte in der Mittelstellung immer zwischen zwei Werten, was auch zu lustigen Lichteffekten des hinterleuchteten Rads führte. Hörbar war es indes nicht. Ebenfalls: Schwamm drüber.

Behringer Deepmind 6

Dann die ersten Patches durchprobiert und zunächst ernüchtert festgestellt, dass unter den Werk-Sounds wirklich nicht viel Brauchbares dabei ist, was vor allem am exzessiven Effekteinsatz lag. Alles in einer Soße aus Hall, Delay und Chorus ertränkt. Also erst einmal die Effekte auf Bypass und ein neuer Check. Irgendwie dünn das Ganze. Der Zugriff auf viele Parameter via Knöpfen und Fadern ist sehr intuitiv, aber auch beim Deepmind muss man immer wieder das LC-Display mit seinen Menüs bemühen. Das ist zwar recht übersichtlich gehalten, aber trotzdem mit viel tippen und drehen verbunden.

Also selbst erst einmal einige Sounds geschraubt, die allesamt in die Jupiter und Oberheim-Richtung gingen. Doch der Funke wollte bei mir nicht überspringen. Meine Brot-und-Butter-Plugin ist Diva von u-he und im direkten Vergleich dazu enttäuschte mich der Deepmind sehr. Diva kann ich mit meinen zugeordneten MIDI-Controllern praktisch ebenso schnell bedienen und er klingt meiner Ansicht nach um Längen besser. So richtig Spaß wollte mit dem Deepmind 6 ohnehin erst dann aufkommen, wenn seine 6 Stimmen bereits ausgereizt waren und andere Stimmen abgeschnitten wurden. Hier wäre der Deepmind 12 tatsächlich die bessere Wahl. Die Effekte des Deepmind sind allesamt sehr brauchbar, sofern man diese dosiert einsetzt.

12 Stimmen mit u-he DIVA gleichzeitig bei 5,6% CPU Auslastung

Meine Entscheidung war an dieser Stelle schon gesetzt – zumindest was den Behringer Deepmind 6 anging: Tastatur nicht okay und vor allem: kein Aha-Erlebnis gegenüber der u-he Diva. Auf einer Bühne macht ein Deepmind natürlich sehr viel Sinn, aber das ist durch Corona ohnehin ein ganz anderes Thema.

Auf zu den beiden anderen Neuanschaffungen.

Voll-Analog mit Behringer Arp und Model D

Den Odyssey fand ich schon immer ziemlich abgefahren. Tony Banks von Genesis hatte damals oft Arps auf der Bühne und Jean Michel Jarre ist wohl auch ein Fan davon. Der Behringer Odyssey ist ein echter Vollmetall-Klopper und das Gehäuse wirkt wie ein Panzer. Er nimmt aber auch recht viel Platz ein. Mit Strom versorgt weiß man auch, dass man sich in Zukunft einen Weihnachtsbaum sparen kann. Die bunt beleuchteten Fader sind der Knaller und lassen das Studio gleich nach „mehr“ aussehen – da können Plugins nicht mithalten. Das ist wohl tatsächlich für manchen auch ein Grund, sich den knappen Raum mit bunt leuchtenden Synthesizern vollzustellen.

Behringer Odyssey Arp
Behringer Odyssey Arp

Klanglich ist der Odyssey ein echtes Brett und wenn man sich ein bisschen mit dem Aufbau und der etwas anderen Bedienung beschäftigt hat, kann man schnell neue Sounds zusammenschrauben – oder schieben. Der eingebaute Arpeggiator und Sequenzer, den Behringer in viele seiner analogen Synthesizer verbaut ist nett, aber auch irgendwie gewöhnungsbedürftig. Die Soundgestaltung mit dem Behringer Odyssey macht zweifellos Spaß.

Behringer Model D
Behringer Model D

Noch mehr Spaß machte mir aber das Model D – der Minimoog-Klon von Behringer. Der Bass ist einfach genau so, wie ich mir das vorstelle und wie ich es von vielen Prog-Alben kenne. Hier würde ich auch sagen, dass u-he’s Diva in dieser Disziplin im Plugin-Bereich zwar hervorragend ist, aber nicht dieses Brett liefert. Das Behringer Model D ist kompakt, recht preiswert und liefert tatsächlich eine Soundpalette, die sich etwas von Software abhebt.

Mein Workflow spielt nicht mit

Sosehr ich diese analogen Synthies mögen möchte, so wenig passen sie in meinen Workflow. Ich will Songs machen, von denen ich eine klare Vorstellung hinsichtlich Melodie und Sound habe. Da möchte ich in die Werkzeugkiste greifen und den gewünschten Sound parat haben. Jeden Sound erst wieder einzustellen passt dazu einfach nicht. Auch wenn man MIDI und Audioausgang gleichzeitig aufnehmen möchte, ist das recht umständlich, wenn man etwa mit Ableton Push 2 als Kompositions-Tool arbeitet.

Ein weiterer Punkt ist der Platzbedarf der Hardware-Synthesizer. Der Odyssey trägt schon richtig dick auf und da diese Geräte nur sinnvoll sind, wenn man wirklich bequem an alle Regler kommt, hätte ich mir überlegen müssen, wie ich mein Studio dahin gehend umbauen kann. Mein Ultimate Keyboard-Ständer mit 3 Ebenen erwies sich als völlig ungeeignet.

u-he Zebra modular Synthesizer Plugin

Am Rechner habe ich hingegen alle Regler und Tasten bequem mit der Maus, Ableton Push oder meine anderen MIDI-Controller bequem und übersichtlich im Griff, ohne ständig mit dem Stuhl herumfahren zu müssen. Wenn die Sounds komplexer sein sollen, kommt der u-he Zebra zum Einsatz. Ein Plugin, mit dem ich mich nach all den Jahren ziemlich gut auskenne und schnell zum gewünschten Sound komme.

Genau das ist glaube ich auch das Problem – oder die Faszination, die viele für Hardware-Synths haben: Plugins wurden in Massen installiert und kaum jemand beschäftigte sich tatsächlich mit deren Möglichkeiten. Sie waren meist einfache Preset-Schleudern. Bei einem analogen Hardware-Synthesizer MUSS man hingegen an den Reglern drehen.

AAS Chromaphone 2 im Edit-Modus

Ich habe immer versucht die Plugins zu verstehen, die ich einsetze. Ständig im Einsatz sind bei mir nur diese virtuellen Synthesizer:

UVI Falcon

sowie einige der Instrumente aus Ableton Live 10.

Faszination: ja. Praktisch: nein.

Das ist meine Zusammenfassung für mich zum Thema Hardware-Synthesizer vs. Plugins. Es gibt natürlich jede Menge Sound-Tüftler, die sich an zufälligen Klängen aus einem komplexen Modularsystem und endlosen Soundscapes erfreuen. Bei mir steht der Song im Vordergrund, bei dem der Synthesizer einfach ein Instrument neben Gitarren, Bass u. a. ist. Darum ist für mich ein Plugin sehr viel komfortabler und der Klang ist heutzutage auch so gut, dass es keinen Sinn macht, hier auf Hardware-Synths zu setzen. Dem Hörer ist es ohnehin egal.

Der Wiederverkaufswert von Repliken wie deren von Behringer dürfte sehr überschaubar sein. Das war immer ein Argument für Hardware. Auf der anderen Seite braucht Hardware auch Pflege und sie altert. Und sie braucht Platz.

Arturia Microfreak und Korg NTS-1

Eine kleine Ausnahme mache ich aber doch: Ich habe mir kürzlich einen Arturia Microfreak und den Korg NTS-1 zugelegt. Das ist eine Kombination, die nicht viel Platz wegnimmt und wahnsinnig viel Spaß macht und eine unglaubliche Soundvielfalt bietet. Zudem ist der Korg NTS-1 ein ganz hervorragendes Effektgerät für den Microfreak und das Behringer Model D. Microfreak und NTS-1 kann man auch mit dem Laptop bequem auf der Couch nutzen.

Bleiben wird bei mir von den Neuanschaffungen nur das Behringer Model D und das genau für 2 Sounds: einen Moog Taurus-artigen Bass und den typischen Moog Leadsound. Deepmind und Odyssey gehen zurück. Sowas muss man eben einfach mal ausprobieren, um festzustellen, ob es zu den persönlichen Vorlieben (und Workflows) passt.

[UPDATE 30.01.20] Auch der Behringer Model D muss zurück. Nach noch ausführlichen Vergleichen mit der u-he Diva habe ich festgestellt, dass es klanglich keinerlei Unterschiede gibt, sofern man sich die Mühe macht, die Sounds sehr penibel nachzubilden. Zudem ist die Stimmstabilität der Model D Oszillatoren nicht gerade berauschend und die Stufenschalter der Oszillatoren machen keinen vertrauenerweckenden Eindruck.

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