Warum mir Fotografie als Hobby nichts mehr gibt

Wo fange ich denn an? Gestern habe ich meinen Lightroom Katalog wieder etwas ausgemistet. Dabei ist mir aufgefallen, dass 2018 das Jahr war, in dem ich seit 15 Jahren am wenigsten fotografiert habe – zumindest mit meinen „echten“ Kameras. Die Gründe sind vielfältig – das Fazit aber eindeutig.

Geschätzte Lesedauer: 5 Minuten

Ich weiß, dass dieser Beitrag viele Diskussionen provozieren wird. Gleich vorweg: Ich möchte niemandem Fotografie als Hobby madig machen. Ich möchte nur zeigen, wie ICH mittlerweile dazu stehe. Ich habe an einem Beitrag auch noch sie so lange formuliert, geändert und so viel darüber nachgedacht.

Tatsächlich kam ich mit meiner Nikon D750, D7000, Sony NEX6 und Sony RX100 III im letzten Jahr auf gerade mal 550 Fotos. Ziehe ich die Blogfotos und die Tauffotos für einen Freund ab, bleibt praktisch nichts mehr übrig.

Es fällt mir auch schwer, noch etwas darüber zu schreiben, weil schon alles geschrieben wurde. Über neue Kameras und Objektive zu schreiben ist vollkommen überflüssig, da es dafür zig professionelle Quellen gibt. Ebenso, wenn es um fotografische Techniken geht.

Fotografie gibt mir nicht mehr viel

Nun haben wir letztes Jahr keinen Urlaub gemacht, weil wir ins neue Haus umgezogen sind und es viel zu tun gab. Da musste auch nachbelichtet hinten anstehen, sodass alleine schon deshalb weniger Fotos entstanden sind.

CFK-Teil im Studio

Zwar fotografiere ich nach wie vor die Produkte der Firma, für die ich arbeite und mache dort auch immer mal ein paar People-Shots. Die gehen allesamt in die Stockfotografie-Richtung. Privat fotografiere ich aber fast gar nicht mehr – zumindest nicht mit der „großen“ Kamera. Die Spiegelreflex packe ich nur noch für die Blogfotos aus, die ich mit Systemblitz oder Studioblitzanlage machen muss.

Fuerteventura von oben

Die meisten und auch schönsten Fotos sind in den letzten Jahren mit dem Smartphone entstanden – und niemand merkt den Unterschied. Ein schönes Foto ist ein schönes Foto. Man teilt es mit ein paar Freunden und der Familie oder bei Instagram und gut isses. Von einem Urlaub komme ich auch nicht mehr mit Hunderten von Fotos zurück, sondern mit einer kleinen 2-stelligen Anzahl. Das sind dann meist auch Fotos, auf denen wir sind und keine „komponierten“ Reisefotos. Die große Fotoausrüstung bleibt schon lange daheim. Ich habe auch keine Lust mehr nach dem Urlaub tagelang RAW-Fotos zu entwickeln.

So sah meine Fotoausrüstung im Urlaub noch vor ein paar Jahren aus

Ich schaue mich lieber um und genieße das, was ich sehe. Ich möchte nicht mehr angestrengt nach dem besten Motiv suchen, denn letztendlich ist das sinnlos, sofern man keine echte Verwertung und Wertschöpfung daraus generieren kann.

Wie viele Fotos kannst du dir ansehen, ohne dass sie dir langweilig werden?

Fotografie ist mir zu inflationär geworden. Manche ziehen aus der analogen Fotografie neue Impulse. Da komme ich allerdings her und ich muss da nicht wieder hin. Ich muss auch niemanden etwas beweisen und der Reiz eines gelungenen Fotos ist nicht mehr so groß wie früher. Wohin denn mit all den Fotos? Ein paar schöne Aufnahmen der letzten Jahre werden wir wohl an die vielen Wände im neuen Haus hängen. Einige darunter finde ich richtig gut. Aber sonst?

Wie oft sieht man sich diese Menge an Bildern noch an? Letztendlich sind es meistens die Schnappschüsse von Familienmitgliedern, Freunden, Veranstaltungen etc. die später noch interessant sind und Emotionen wecken. Kein normaler Betrachter sagt doch: „Was für eine tolle Bildkomposition und wie fein durchgezeichnet der Himmel doch ist!“ Beobachtet mal eure Familie, Bekannten, Freunde und Arbeitskollegen, wie sie sich Fotos ansehen. Ich glaube nicht, dass ein Foto mehr als 2 Sekunden Aufmerksamkeit bekommt.

Nach dem Tod meines Vaters fiel mir auf, was ein wirklich gutes und wertvolles Foto ausmacht: Es ist das Bild, das einen geliebten Menschen in ganz alltäglichen Situationen zeigt – vor allem dann, wenn er nicht mehr da ist. Diese Art Foto, die man früher in jedem Familienalbum finden konnte. Technisch ganz und gar unperfekt und trotzdem wertvoll.

Früher war auch noch der Reiz einer neuen Kamera mit wirklich besserer Technik oder eines neuen Objektivs da. Aber auch diese Zeiten sind vorbei, was man nicht zuletzt an der abgeblasenen Photokina 2019 und extrem rückläufigen Kameraverkäufen sehen kann. Selbst eine Einsteiger-DSLR liefert heute eine technische Bildqualität, die nahezu allen Anforderungen genügt. Aber warum überhaupt noch eine Kamera mitnehmen?

Wie viele Fotos kannst du dir ansehen, ohne dass sie dir langweilig werden? Der Instagram-Feed wird schnell durchgescrollt, ein Like vergeben und das war es – weil man 99,9 % aller Fotos so oder so ähnlich schon gesehen hat.

Baum. Himmel. Toll! Aber auch nichts anderes als die anderen Millionen toller Landschaftsfotos von anderen. Man kennt die ganzen perfekten Fotos und damit wird auch jede noch so gute Fotografie zur Normalität.

Die Interessen verlagern sich

Seit 2015 habe ich mein Interesse am Elektronikbasteln wiederentdeckt und daraus ergab sich ein wahrer Tsunami an Möglichkeiten. Nun habe ich eine schöne große Werkstatt mit jeder Menge neuer Werkzeuge – von der Kappsäge bis zum Schweißgerät und eine CNC-Fräse ist auch bald fertig. Die vielfältige Technik und das Knowhow um diese Dinge ist einfach viel anspruchsvoller und breiter und darum für mich sehr viel aufregender. Es entstehen Dinge, die einen echten Nutzen für mich haben. Oder ich repariere Geräte und vermeide somit ein bisschen Elektroschrott. Vielleicht liegt es auch daran, dass meine Interessen sehr vielfältig sind. Ein Auszug aus meinen Freizeitbeschäftigungen:

  • nachbelichtet Blog
  • Elektronik
  • 3D-Druck und CAD-Konstruktion
  • Smart Home Technik
  • Basteln und reparieren
  • Musik machen
  • Kochen

Zurück zur ganz großen Liebe: Musik machen

Durch das neue Haus musste die Musik lange Zeit hinten anstehen. Die Instrumente und das ganze andere Equipment war eingemottet. In den letzten paar Wochen, habe ich nun alles wieder aufgebaut. Noch ein paar Absorber basteln, damit die Raumakustik passt, ein bisschen Deko und Stimmung und ich kann wieder voll loslegen.

Beim Musikmachen kann man stundenlang total versinken und komplett abschalten. Ein bisschen auf der Gitarre zu zupfen. Ein paar Sounds mit dem Synthesizer bauen. Einen Song schreiben und aufzunehmen entspannt ungemein. Erst jetzt habe ich bemerkt, wie sehr mir die Musik gefehlt hat.

Musik hat einfach so viel mehr Facetten, Techniken, Möglichkeiten.

Fotografie als Hobby ist nicht tot – sie ist nur anders geworden

Schaut man sich den Suchbegriff „Photography“ bei Google Trends an, sieht man, dass das Interesse am Thema weltweit schwindet. Auf der anderen Seite werden immer mehr Fotos gemacht und geteilt. Hochwertige Fotografie als Hobby war schon immer eine Nische, denn sie ist mit Aufwand und Kosten verbunden. 

Mit dem Smartphone ist es einfach und billig Fotos zu machen. Die ständige Verfügbarkeit einer Kamera hat Fotografie aber auch zu etwas alltäglichem werden lassen. Dazu braucht man auch keine teure und schwere Ausrüstung und man tut es einfach. Und das ist gut so!

Ebenso wie ich herausgefunden habe, dass mir die Fotografie als Hobby ganz und gar nicht fehlt und was mir stattdessen wirklich etwas gibt. Auch das ist gut so!

Nachbelichtet war noch nie ein reines Foto-Blog und spiegelte schon immer meine vielen Interessen wider. Natürlich wird es weiterhin immer wieder Beiträge zu Foto-Software wie Lightroom und dessen Alternativen geben, da ich diese Tools ja auch selbst nutze. Die anderen Themen werden aber auch zukünftig immer mehr Platz einnehmen.

Das Leben verändert sich. Die Interessen verändern sich. Nachbelichtet verändert sich.

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Rudolf Hauleitner
Gast
Rudolf Hauleitner

Bei mir war es komplett umgekehrt. Ich war dem Handy-Wahn satt. Ich hatte 3 Handys ständig bei mir, die mir keine freie Minute mehr gönnten. Auch das Fotografieren mit dem Handy war kein „Fotografieren“ sondern ein „Knipsen“. Alleine das Anvisieren des Motivs mit dem weit entfernten Bildschirm, die Blendung bei Sonnenschein und die schwierige Orientierung waren eine Qual. Dazu war es bei meinem Gerät nur sehr aufwendig bzw nicht möglich, Blende, Verschlusszeit oder auch nur die Entfernung einzustellen. Fotografieren mit dem Handy war Glückssache und Fotos in der Dämmerung meist komplett unscharf. Ich habe die Handys entsorgt und mir ein… Weiterlesen »

Hans
Gast
Hans

100 % auch meine Erfahrung, ohne Abstriche.
Nikon DSLR, 6 Objektive dazu, alle haben ihren Sinn.

wolfgang weiland
Gast

guter, ehrlicher Beitrag…ich habe meine 50er festbrennweite u nd muss mir die bilder erlaufen. ein bild, dass ich nicht machen kann, habe ich halt nicht…
lg wolfgang

Bernhard
Gast

Solche fotografische Phasen sind ganz normal. Das ist ein stetiges auf und ab.

LG Bernhard

Peter Stumpf
Gast
Peter Stumpf

Hallo,
vielen Dank für die offenen Worte. Hab‘ mich ach schon gewundert, dass die fotografischen Themen weniger werden. Aber deine Gründe sind absolut nachvollziehbar. Ich habe momentan auch so ein kleines (fotografisches) Loch – hab aber vor in diesem Herbst mal wieder mehr (nicht quantitativ) zu machen.
Viel Spaß mit der Musik

Reinhold Friedrich Auer
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Reinhold Friedrich Auer

Mein lieber „nachbelichtet“, ich weiß gar nicht mehr WIE ich auf dich gestoßen bin und deinen Newletter abonniert hatte. Das Meiste was du mir regelmäßig zugesendet hast habe ich überflogen und gelöscht, einige (wenige) Beiträge habe ich mir genauer angeschaut. Nur weil ich zu faul war den Newsletter wieder abzubestellen habe ich diesen, deinen „Depressiven“ Artikel mir angesehen, reine Neugier am „Leid“ der anderen. Ich denke du hast ein anderes Thema gefunden, das du mit einem Newletter bewerben kannst und so dein Einkommen aufbessern kannst und deshalb die Gemeinde wechselst. Das ist ok für mich. Ich habe auch Verständnis dass… Weiterlesen »

Timo
Gast

Hi,
klar Worte – angenehm zu lesen. Wichtig ist, darf du Bock drauf hast, was du tust. Ob es jetzt fotografieren, basteln, oder Musik machen ist. Ich wünsche dir viel Spaß dabei!

LG
Timo

Heike Zanini
Gast
Heike Zanini

Hallo und guten Abend, ich habe Deinen Artikel eben gelesen, dazu die Kommentare. Meine Anfänge in der Fotografie liegen jetzt 45 Jahre zurück. Ich habe noch das Analoge gelernt, auch das Entwickeln im 3-qm-Bad ;). Ich hatte immer wieder Phasen, in denen ich mehr oder weniger fotografiert habe, wie wir alle sicherlich. Seit 7 Jahren fotografiere ich allerdings am Stück – so lange wie vorher nie. Und ich habe auch immer noch Spaß dran. Wenn ich im Urlaub bin, dann immer mit der DSLR. Handy-Fotografie ist nett, hat aber für mich niemals denselben Effekt wie das Fotografieren mit meiner „Dicken“… Weiterlesen »

Wegleman
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Wegleman

Kurz und knapp: Du sprichst mir aus dem Herzen!

Barbara
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Barbara

Mir leider auch ?

Jochen Bake
Gast

Ich habe zwei Sony A9 und habe gutes Geld verdient. Aber auch ich merke in letzter Zeit, besonders der letzten Woche (wie sind in Kroatien) das ich lieber mit dem Handy unterwegs bin. Ich würde sagen, das 3/4 aller Fotos per Smartphone gemacht wurden. Den Unterschied sehe ich zur A9 kaum. Und als Erinnerungen dienen sie allemal.

ADK
Gast
ADK

Du bist halt in winter „fotografischen“ Sinnkrise.
Klar, die Jagd nacho dem perfekten Foto hat keinen grossen Reiz mehr.
Ich habe deshalb auf Geschichten erzählen, also Reportage, AV- Shows produzieren und Fotobücher umgestellt.

Ja, die Flut perfekter Fotos hat zu einer massiven Entwertung von Einzelfotos geführt, Inflation eben.

Hans Nuecke
Gast

Vielen Dank für Deine Gedanken, welche auch mir verdeutlicht haben, wie sich meine Vorlieben und Interessen verändert haben. Im aktuellen Urlaub habe ich meine DSLR tatsächlich zum ersten Mal nicht mehr mitgenommen. Schnappschüsse mache ich inzwischen auch mit dem Handy, und für ein paar schöne „Stil-Fotos“ (Detail-Aufnahmen, besondere Perspektiven und Situationen reicht dir LX100 vollauf! Mit der machen wir übrigens auch Fotos und Videos von Musikern während Konzerten (Kleinkunstbühnen, auf „arm-length“!), Und verarbeiten das in einem kurzen Blog (max. 2 min Video und 6 Fotos). Daraus ist inzwischen ein schönes Archiv entstanden mit weit mehr als als 100 Musikern, das… Weiterlesen »