Dass ich ein Nikonian bin, hat mittlerweile bestimmt jeder bemerkt. Dass ich aber auch die Philosophie der „Goldenen Mitte“ vertrete, also versuche, Kameras im mittleren Preissegment auszureizen, anstatt die Modelle der höheren Klassen nur teilweise zu nutzen, fiel vielleicht auch schon auf. Da kommt die neue D90 gerade recht. Ich hatte die D70, habe die […]

Dieser Beitrag wurde 2008 veröffentlicht.
Seitdem hat sich viel getan und manche Informationen und Links sind vielleicht nicht mehr aktuell!

Dass ich ein Nikonian bin, hat mittlerweile bestimmt jeder bemerkt. Dass ich aber auch die Philosophie der „Goldenen Mitte“ vertrete, also versuche, Kameras im mittleren Preissegment auszureizen, anstatt die Modelle der höheren Klassen nur teilweise zu nutzen, fiel vielleicht auch schon auf. Da kommt die neue D90 gerade recht. Ich hatte die D70, habe die D90, war aber auch mit D200 und D300 unterwegs. An letzterer begeisterte mich das große 3 Zoll Display mit 920.000 Pixeln und extrem scharfer Darstellung. Der Live-View konnte mich hier nicht so sehr überzeugen, war er doch auch etwas umständlich zu erreichen und ruckelig in der Darstellung. Die Serienbildgeschwindigkeit der D300 war zwar beeindruckend, allerdings habe ich relativ wenig Anwendungen hierfür.

Life is Live!

Nun hat Nikon die D90 ins Rennen geschickt und ihr einige Features der D300 mitgegeben. Auch sie verfügt nun über das gleiche, hervorragende Display und Live-View. Der Live-View der D90 stellt die Szenerie aber mit 24 Bildern pro Sekunde dar und ist mit einer eigenen Taste schnell erreichbar. Damit habe auch ich Gefallen an dieser Funktion gefunden, wenngleich sie ein Akkufresser ist und mit bedacht – oder optionalem Batteriegriff (es passt übrigens der MB-D80 der D80 auch an die D90) – eingesetzt werden sollte.

Das Gehäuse ist übrigens praktisch identisch zur D80, vom großen Display und einem etwas anderen Tastenlayout einmal abgesehen. Längst fällig war die OK-Taste, die sich nun in der Mitte der Navigationswippe befindet. Was leider noch immer fehlt, sind zwei oder zumindest eine Position auf dem Modus-Wahlschalter, unter der man Benutzereinstellungen hinterlegen könnte. Dafür würde ich gerne das ein oder andere Motivprogramm opfern und damit bin ich bestimmt nicht alleine. Mal ehrlich: Wer von euch benutzt überhaupt eines der Motivprogramme?

Schnell und informativ

altWas mich auf Anhieb begeisterte und ich mir schon lange in einer Mittelklasse Nikon-SLR gewünscht habe, ist die Darstellung der Kameraeinstellungen auf dem großen, hinteren Display. Mittels einer Info-Taste werden die Einstellungen des oberen Displays sowie noch viele weitere Informationen angezeigt. Besonders praktisch ist das, wenn die Kamera auf einem Stativ montiert ist. Leider war diese Funktion bislang nur bei den Einsteigerkameras zu finden, die über kein Top-Display verfügten.

Bei der Serienbildgeschwindigkeit legte die D90 auf 4,5 Bilder pro Sekunde zu, was zwar meilenweit von den bis zu 8 fps der D300 entfernt ist, aber für alle Anwendungen, außer Sportfotografie ausreichen sollte. Die Geschwindigkeit des Autofokus liegt für mein Empfinden auf dem selben Niveau der D80, wurde in der D90 doch der gleiche Multi-CAM1000 AF-Sensor verbaut.

Hier kann die D90 der großen Schwester D300 nicht das Wasser reichen. Deren AF-System ist nochmal eine Klasse für sich, denn es ist einfach noch schneller, präziser und flexibler.

Belichtung und D-Lighting

Die D90 belichtet etwas ausgewogener, tendiert aber auch leicht zur Übelichtung. Sehr beeindruckend ist das neue D-Lighting, das nun auf Wunsch immer aktiv sein und dabei in vier Stufen geregelt werden kann und auch über einen gut funktionierenden „Auto“ Modus verfügt. Bei den meisten Motiven führt es in der Einstellung „normal“ zu einem sehr ausgewogenen Bildeindruck, mit sehr viel Zeichnung in Lichtern und dunklen Bildbereichen. Die Wirkung kann man sich wie einen „digitalen Aufhellblitz“ vorstellen, D-Lighting arbeitet aber sehr viel subtiler und eben ohne zusätzlichen Blitz.

Gerade das D-Lighting ist wieder eine dieser Funktionen, bei denen ich das JPEG-Bild direkt aus der Kamera bevorzuge und keinen Bedarf nach einen RAW-Foto habe. Apropos RAW: Sehr gut ist, dass man der Funktionstaste vorne an der Kamera auch eine Funktion zuweisen kann, bei der bei gehaltener Taste das Bild im RAW-Format gespeichert wird, auch wenn ein anderer Modus (z.B. JPEG Fine) an der Kamera voreingestellt ist. Damit kann man sich schnell und einfach fürs sichere RAW-Format entscheiden, ansonsten aber rationell mit dem praktischen JPEG-Format fotografieren.

Auflösung und Bildqualität

altDie D90 löst mit 12 Megapixel um 2MP besser auf als ihr Vorgänger D80. Das ist noch bestimmt kein Argument für die D90. Allerdings stieg man bei der D90 nun auch von der CCD-Technik auf CMOS-Sensoren um und das macht sich bei der Bildqualität deutlich bemerkbar. Das Rauschverhalten der D90 ist erstklassig! In den niedrigen ISO-Einstellungen ist das Bild praktisch frei von jeglichem Bildrauschen. Wie bei der D300 ist der wirklich bedenkenlos nutzbare ISO-Bereich bis ISO1600 angewachsen. Es ist absolut erstaunlich, wie gering das Rauschen noch bei diesen ISO1600 ausfällt. Darüber hinaus wird das Rauschen erst bei ISO3200 deutlicher sichtbar, wobei auch diese Empfindlichkeit noch gut in der Praxis zu gebrauchen und mit aktuellen Rauschfiltern gut in den Griff zu bekommen ist. Leider ist man bei der D90 wieder bei ISO200 als untersten ISO-Bereich, wobei es noch drei Low-Einstellungen (L0.3, L0.7 und L1.0) gibt.

Die D300 ist im Vergleich zur D90 noch eine Spur besser, was das Bildrauschen angeht, beide Kameras bewegen sich aber auf absolutem Top-Niveau. Im Vergleich zum Vorgänger D80 sind es jedoch Welten, die hier die Kameras voneinander trennen. Die Bilder der D90 sind detailreich – auch in der „JPEG Normal“ Einstellung – und die Farbwiedergabe ist sehr natürlich und ausgewogen. Eher konservativ handhabt man das Thema „Schärfen“ bei der neuen Nikon. In der normalen Einstellung kann das Bild für meinen Geschmack doch etwas mehr Schärfung vertragen, was sich aber natürlich entsprechend einstellen lässt. Bei meiner D70 hatte ich damals dagegen immer etwas weniger Bildschärfung eingestellt als es die Werkseinstellung vorgab.

Der Bildoptimierer

altSehr gut gefallen mir auch die Funktionen zur Bildoptimierung in der Kamera. Neben dem besagten D-Lighting, das natürlich auch nachträglich auf bereits erstellte Bilder angewandt werden kann (es wird auf Wunsch eine Kopie des Bildes mit den neuen Einstellungen erstellt), wissen auch die Funktionen zur Beseitigung Chromatischer Aberrationen und zum Entfernen von Verzeichnungen zu gefallen. Gerade die Korrektur von Farbsäumen funktioniert sehr gut und für meinen Geschmack besser, als es z.B. Adobe Lightroom möglich wäre.

Auch können nun RAW-Bilder direkt in der Kamera „entwickelt“ werden und das funktioniert dank des großen Displays sogar recht ordentlich. Mit dem Fisheye-Filter kann man Effekte erreichen, wie sie ein typische Fisheye-Objektiv erzeugen würde.

Film ab! Kamera läuft …

Das unangefochtene Highlight der D90 ist wohl die Videofunktion im 720er HD-Format bei 24 fps. Viel wurde und wird darüber diskutiert und manch Videofilmer soll sich die D90 alleine schon wegen der Videofunktion gekauft haben. Das Interessante daran ist, dass man an der D90 natürlich alle Nikon-Objektive nutzen und damit auch mit Tiefenunschärfe arbeiten kann, was mit typischen Consumer- und auch Semipro-Videokameras nicht möglich ist, dem Filmmaterial damit aber den Touch professioneller Filme verleiht.

Die Videoaufzeichnungen der D90 können bis zu 5 Minuten pro Take lang sein, was durchaus praxisgerecht ist. Es werden dabei Vollbilder aufgezeichnet, was den Vorteil hat, dass jedes Einzelbild auch „schneidbar“ ist. Die Kompression geht dabei in Ordnung, reicht aber meiner Ansicht nach nicht an das Niveau guter Camcorder hinan. Fokussieren muss man allerdings manuell, denn der Autofokus einer Still-Kamera ist natürlich nicht fürs Videofilmen geeignet. Auch die Belichtungseinstellung ist so eine Sache.




Was sich störend auswirken kann ist ein Effekt, der allgemein als „Rolling Shutter“ bezeichnet wird. Dabei kommt es z.B. bei Schwenks über statische Motive zu einem leichten Flimmern sowie gelblichen Farbstörungen, welche den professionellen Einsatz der D90 etwas vereiteln könnten.

Von der Tonqualität des eingebauten Mono-Mikrofons darf man auch nicht allzu viel erwarten, ist es doch recht empfindlich gegenüber Handgeräuschen. Außerdem wird das Tonsignal nur mit 22kHz Samplingfrequenz (zum Vergleich: CD-Qualität wird mit 44.1 kHz erreicht) aufgezeichnet.

Die Videofunktion ist insgesamt jedoch interessant und durchaus brauchbar, allerdings würde ich sie eher als Gimmick oder bestenfalls als Addon betrachten und sie nicht als tatsächliches Kaufargument werten. Die Videoaufzeichnung ist wohl ein Abfallprodukt des neuen Live-Views, aber auch hier gilt: man kann mal eine Videoaufzeichnung machen, wenn man sie braucht. Es ist halt mit dabei und kostet nichts extra, außer einer schnellen, großen Speicherkarte und viel Strom, denn noch mehr als das Live-View Feature ziehen die Videoausflüge am Akku. Getestet habe ich die Videofunktionen übrigens mit einer TakeMS Klasse 6 SDHC-Karte mit 8GB Kapazität.

Geotagging und Zubehör

Mit dem GP-1, welcher aber zur Veröffentlichung dieses Artikels noch nicht lieferbar war, offeriert Nikon einen kompakten GPS-Empfänger, der auf den Blitzschuh der D90 aufgesteckt wird. Dadurch werden bei jedem Auslösen die Geodaten direkt in den EXIF-Header des Fotos geschrieben, sekundengenau und ohne Nachbearbeitung. Die nachfolgende, externe Synchronisation von Bilddateien und Geodaten entfällt somit. Der GP-1 soll um die 180€ kosten und ist natürlich eine sehr interessante Erweiterung und wohl die einfachste Methode, Geotagging zu realisieren.

Wie schon erwähnt passt der Batteriegriff der D80, der MB-D80, auch an die D90. Weniger schön ist, dass mein geliebter Kabelauslöser von der D80 nun nicht mehr passt, ein neuer jedoch noch nicht lieferbar ist.

Fazit

altDie D90 bietet deutlich mehr fürs Geld, als es D70 und D80 je getan haben. Die Verarbeitung ist Nikon-typisch sehr gut und hebt sich von den Mitbewerbern im selben Modell- und Preissegment wohltuend ab. Das große, scharfe Display ist eine Wucht und auch der Live-View ist Dank dedizierter Taste und flüssiger Darstellung eine schöne Hilfe. Das Hauptargument für die D90 ist auf jeden Fall die sehr gute Bildqualität, die bis einschließlich ISO3200 sehr gute Ergebnisse liefert. Die Videofunktion ist nett, hakt aber noch bei verschiedenen Dingen.

Wer eine D80 hat, könnte wegen des ein oder anderen Features auf die D90 schielen. Für mich ist das Killerargument allerdings das niedrige Bildrauschen, gefolgt vom neuen Display. Auf Live-View und Video kann ich auch verzichten.

Wer glaubt mit der D90 eine „fast D-300″ zum halben Preis zu bekommen, den muss ich enttäuschen. Die D300 ist bei der Bildqualität noch eine Spur besser, AF-System und Belichtung arbeiten noch besser, das Gehäuse ist abgedichtet und (noch) robuster. Außerdem kann die D300 mit der hohen Serienbildfolge punkten und die Custom-Einstellungen sowie die Feinjustierbarkeit der Fokussierung für bestimmte Objektive unterstreichen deren Professionalität.

Insgesamt ist die D90 aber meiner Ansicht nach die beste Wahl in diesem Preisbereich, liefert hervorragenden Bildqualität und macht richtig Spaß.

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8 Responses

  1. Friedrichstädter

    …sehr informativer und sachlicher Beitrag
    ISO100 gibt es – Du erwähnst es doch sogar: Indem man im ISO200-Betrieb die Empfindlichkeit auf L1.0 „boostet“, arbeitet die Kamera mit ISO100…

    VG_F.

    Antworten
  2. Jan

    Hallo Markus,

    der Kabelauslöser ist für die D90 jetzt verfügbar. Meiner kam heute (9.12.) mit der Post.

    Grüße
    Jan

    Antworten

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