Interview mit Samplitude Plugin-Entwickler Sascha Eversmeier

Als kleine Weihnachtsüberraschung möchte ich euch ein exklusives Interview mit Sascha Eversmeier, dem Entwickler der Magix Analogue Modelling Suite und des Magix Variverb – bekannt aus Samplitude 10 Pro – präsentieren. Meine Fragen sind fett dargestellt. Hallo Sascha! Vielen Dank, dass du dir für ein Interview Zeit genommen hast. Viele …

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Magix Analogue Modelling SuiteAls kleine Weihnachtsüberraschung möchte ich euch ein exklusives Interview mit Sascha Eversmeier, dem Entwickler der Magix Analogue Modelling Suite und des Magix Variverb – bekannt aus Samplitude 10 Pro – präsentieren. Meine Fragen sind fett dargestellt.

Hallo Sascha! Vielen Dank, dass du dir für ein Interview Zeit genommen hast. Viele kennen sicher deine Freeware Plugins, die man unter digitalfishphones.com herunterladen kann und welche einen ausgezeichneten Ruf genießen. Weniger bekannt ist wohl, dass hinter den Plugins der maßgebliche Entwickler der Analogue und Vintage Modelling Suite, des Vari Verbs und der neuen Allzweckwaffe am-munition steckt, welche u.a. zu Samplitude 10 Pro gehören.
Wie bist du überhaupt zur VST-Plugin Entwicklung gekommen?

Zunächst schlicht aus Neugier. Nach meiner Informatikerausbildung bin ich Anfang 2000 nach Berlin gezogen und hab in einer dieser unzähligen NewMedia-Firmen inmitten der Internetblase Datenbanken entworfen. Ich wollte aber nebenbei meine frisch erworbenen Skills in C/C++ vertiefen und hab mir bei Steinberg das VST Developer Kit bezogen. Damals noch Version 1, also noch nichts mit virtuellen Instrumenten und so. Damals war der Markt ja noch ziemlich überschaubar, es gab nur wenige Entwickler, verhältnismäßig wenige Ressourcen im Netz und ich hatte nur eine handvoll Halbwissen über Elektronik, aber noch fast gar keinen Schimmer von DSP. Ich dachte mir, da spielst Du mal ein bisschen mit rum.

Deine Ausführungen zu den Modelling Suite Plugins zeigen ein tiefes Verständnis von Elektrotechnik und dem Design analoger Schaltungen. Hast du eine entsprechende Ausbildung genossen, oder bist du Autodidakt?

Ich hatte mal ein paar Semester Nachrichtentechnik belegt. Im Nachhinein könnte ich mich steinigen, es nicht beendet zu haben, aber damals (Mitte/Ende der 90er) befand ich mich noch in einer Orientierungs- und Spaßphase. Nebenbei hab ich ein bisschen als Live-Tonkutscher gejobbt, Bands aufgenommen und so’n Zeug. Löten konnte ich schon als kleiner Junge und vor elektrischem Strom hatte ich nie wirklich Respekt, aber offiziell verbrieft sind meine E-Technik-Kenntnisse somit nicht.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Magix?

Dazu gibt es eine Vorgeschichte. Im Prinzip ist die Dotcom-Krise dran schuld. In meiner alten Firma bahnte sich ein massives Problem an und ich begab mich gerade rechtzeitig auf die Suche nach was Neuem. Zu der Zeit (Ende 2000) suchte man bei Magix Leute für ziemlich genau das, was ich bis dahin tagsüber gemacht habe. Ich hatte also zunächst gar kein Audiozeug im Kopf, aber natürlich interessiert mich, was eine Firma verkauft und für was sie steht. Ungefähr drei Jahre habe ich mich dann um Online-Datenbankentwicklung gekümmert. Parallel hat mich zuhause diese Plugin-Geschichte aber nicht losgelassen. Seit meinem Umzug hatte ich plötzlich keine Band mehr, zudem wollte ich den Bass gegen Synthesizer und Computer tauschen. Ich wollte aber auch keine Unsummen in neues Equipment stecken, und viel Platz war auch nicht da. Das mit dem Programmieren war also gar nicht so abwegig, es könnte ja immerhin irgendetwas für den Hausgebrauch dabei rauskommen.

Dann hatte ich irgendwann so viel Viertelwissen über DSP zusammen, um mein erstes Plugin auf die Welt loszulassen: THD. Ein ziemlich primitiver Waveshaper zum Anzerren von Signalen, mit signalabhängiger Arbeitspunktverschiebung, quasi eine Röhrensimulation für Arme. Erschreckender Weise haben Leute damit plötzlich reale Produktionen gemacht, jemand verglich das Ding sogar mit seinem SPL MachineHead, naja, jedenfalls spornte mich das an. Dann kam endorphin (der Zweiband-Kompressor) und irgendwann schrieb mein Webhosting-Service, er mache bald sein Gratisangebot dicht. Also musste eine echte Domain her. Wochenlang nach ’nem Namen gegrübelt. Ich hab in meiner Schulzeit immer gern gezeichnet. Die Bewohner unseres Aquariums im Wohnzimmer brachten es dann ins Rollen, da hab ich dann diese Fische mit Kopfhörer gekritzelt und digitalfishphones war geboren. Ende 2001.

Es folgte im April 2002 dominion, das Transienten-Tool. Ein paar Monate später kamen die FishFillets. Dann gings richtig rund, jeden Monat etliche Tausend Downloads von jedem Plugin, dazu noch die Mac-Portierung von Zebra-Urs (u-he). Plötzlich war das zum Selbstläufer geworden, nicht zuletzt durch die vielen Foren im Netz wie z. B. kvr.

Letztlich kam es zur Zusammenarbeit mit Magix durch zwei Umstände: Zum einen sah man, dass ich an etwas arbeite, das mir offensichtlich liegt und relativ gut läuft, zum anderen ist mir selber die Sache im Laufe von zwei Jahren doch etwas über den Kopf gewachsen. Wenn du acht Stunden im Büro am Monitor hockst, und abends nochmal vier, das macht dein Sozialleben und dein Lebenspartner irgendwann nicht mehr mit.



MAGIX Samplitude 10

Der ganze Plugin-Code ist dann relativ schnell von meinem Privatrechner auf den im Büro gewandert, und ich wechselte im Job die Abteilung.
Mein ‚Gesellenstück‘ war allerdings nicht sofort eine Weiterentwicklung der bekannten Sachen, sondern eine Drum Machine. Ich hatte zuhause eine Minimal-Klangerzeugung für Drumsounds gezimmert (im 808/909-Style). Witzigerweise hatte Tilman Herberger (CTO) in jungen Jahren was recht ähnliches Mal in Hardware gebaut und deswegen eine ebensolche diebische Freude an der Sache, also beschlossen wir, ich sollte so ein Ding in Software bauen. Beim MusikMaker war gerade Bedarf für so was. 2004 entstand aus dem Prototyp der Robot, wie er immer noch in Samplitude zu finden ist. Die AM-Suite-Effekte kamen eher zwischendurch.

Die am-Plugins klingen ausnahmslos hochkarätig und für mich spielen sie klanglich in der Riege der DSP-gestützten Plugin vom Schlage UAD oder Powercore mit. Dabei biedern sie sich nicht wie andere Hersteller bekannten Vorbildern an, sondern haben einen eigenständigen, aber vertrauten Klang – trotzdem würde mich interessieren, welche Vorbilder Pate standen.

Ich halte nicht viel vom bloßen Kopieren realer Geräte. Zum einen kriegt man’s eh nicht wirklich genau hin, zum anderen sehe ich persönlich meinen Fokus weniger im Ingenieurwesen, als vielmehr im Kreativlager. Ich wollte schon den ersten Plugins so etwas wie einen eigenen Stempel aufdrücken, eine Art Seele. Natürlich arbeiten unter der Haube mehr oder weniger gängige Konzepte und Algorithmen. Der am-track teilt sich z.B. mit dem 1176 das Konzept des FET als aktiver Spannungsteiler in einem geschlossenen System mit Rückwärtsdetektion. Das eigentliche Konzept ist lächerlich einfach, aber beim 1176 hat man ziemlichen Aufwand betreiben müssen, um einigermaßen saubere und stabile Arbeitsparameter zu bekommen. Beim am-track habe ich aber durch die Softwareumgebung mit nur wenigen Rahmengrößen viel mehr Freiheiten, folglich kann was komplett anderes dabei herauskommen.

Am-phibia hat einige bekannte ‚analoge‘ Konzepte an Bord, wie etwa die Filterschaltungen. Z.B. entsprechen die Passivtypen ‚Bass‘ und ‚Gitarre‘ tatsächlich einem gängigen Fender- oder Marshall-Tone-Stack. Allerdings sind Einsatzfrequenzen und Sperrwirkung meiner Lösungen schon recht eigen. Die Cabinet-Simulationen orientieren sich an realen Frequenzgängen, sind aber via Filterschaltungen (Hoch-, Tief-, und Allpässe), Nichtlinearitäten und Rückkopplung approximiert. Mir kam es vor allem auf so etwas wie ein Eigenleben an, daher durfte es ruhig komplex zugehen.

In deiner Beschreibung zu deinem Freeware-Plugin THD schreibst du, dass es kein Röhrenamp sei und es auch keiner sein kann, solange es keine Technik gäbe, eine Röhre „hineinzubeamen“. Wie ist deine Philosophie zur Röhrentechnik, den stark strapazierten und diskutierten Attributen „warm“ und „kalt“ und wie gehst du bei der Entwicklung deiner Plugins vor?

Letztendlich muss es klingen. Das ist alles was zählt. Einen Sound, der einem gefällt, in Worte zu kleiden, ist glaub ich müßig. Wenn ich einen Song im Radio cool finde, überleg ich auch nicht wieso, ich verpasse ihm kein Attribut und nicke lieber mit dem Kopf. Das mit kalt und warm ist total überstrapaziert und oftmals schlicht falsch. Digital kann ziemlich warm klingen, und Analog mitunter auch schrecklich kalt.
Bei der Modellierung von realen Vorgängen hat sich in den letzten Jahren ziemlich viel getan, siehe die ganzen Amp Modeller. Mittlerweile gibt es eine Reihe plausibler Modelle, die z.B. eine Class-A-Röhrenstufe nachbilden. Es kommt natürlich immer drauf an, wie fein die Modellierung sein soll und wie viel man der Interaktion zwischen Bauteilen Beachtung schenkt.
Trotzdem bleiben immer wieder Problem, die nicht wirklich gelöst werden können. Zum Beispiel breiten sich in realen Bauteilen Elektronen mit Lichtgeschwindigkeit aus, im digitalen Modell hingegen bestimmt die Nyquist-Frequenz das Maximum. Bei rekursiven Strukturen wie etwa in Filtern äußert sich das im sog. Warping, so dass ein EQ nach oben hin ’spitz‘ klingt, weil die Kurve Richtung Nyquist asymmetrisch wird. Dieses ‚1-Sample-Delay‘ kann bei vielen Modellen störend sein, und ist oft auch ein Grund, Oversampling zu betreiben. Wobei hier spätestens die Sache mit der CPU-Last ins Spiel kommt.

am-phibia ist mein persönlicher Favorit unter den am-modelling Plugins. Man glaubt zunächst einen „einfachen“ Channelstrip vorzufinden, merkt aber dann, dass es sich eigentlich auch um einen kompletten Preamp samt Lautsprechersimulation für Gitarre und Bass handelt. Ich war auf anhieb begeistert von den markanten und knurrigen Basssounds, die ich am-phibia entlocken konnte, ohne dass dabei die Definition verloren ging. Man merkt, dass du selbst Bassist bist.

Nicht nur ich, sondern auch der zuständige Produktmanager… Als ich damit anfing, gab es noch nichts brauchbares für den Bass, also war die Motivation entsprechend hoch.
Um mit den Worten eines Bassisten zu sprechen: ich wollte etwas, das Eier hat. Und was so gar nicht nach Software klingt. Etwas, das durchaus polarisiert, wo der eine sich an die Stirn tippt, aber ein anderer sich die Hände reibt.

Ich hab aus alten Tagen noch einen ranzigen Peavey all-tube-Preamp, der mit zwei ECC83/12AX7-Röhren, somit also vier Verstärkerstufen, bestückt ist. Da steckt ein klassisches Passiv-Tone-Stack drin, plus einem Aktivfilter am Ausgang. Ich kenn die Kiste in- und auswendig, die ist schon total ‚verbastelt‘. Ich wollte unbedingt ‚diesen‘ Sound modellieren. Plötzlich hatte ich aber im Plugin allein in der Gainstufe so viele Freiheitsgrade, dass es ziemlich komplex wurde. Am-phibia ist letztlich zwar schon so etwas wie ein ‚Charakterschwein‘ geworden, aber das war schon verdammt haarig. Wenn man die Einträge weiß, kann man sogar etliche Stellen unter der Haube noch weiter per ini-Datei ‚tweaken‘. Vielleicht verrate ich die eines Tages…

Bis zum Ende der Entwicklung hab ich keinen Schimmer gehabt, ob sich die Mühe gelohnt hat, ob’s nicht vielleicht total verrissen wird. Ich war unsicher wie nie. Unglaublicherweise kam schon kurz danach Feedback von ‚großen‘ Leuten, wie z.B. David Kahne, der das Ding erstmal gleich auf eine Chartproduktion losgelassen hat.

Ich stelle einmal die These auf, dass gut aussehenden Plugins auch gerne mal eine klangliche Unzulänglichkeit verziehen wird, getreu dem Motto „Software muss sexy sein“. So wird manchem Plugin wohl ein Sound zugetraut oder hineininterpretiert, weil die Software danach aussieht, zudem kennen die wenigsten Anwender den Sound des nachgeahmten Vorbilds. Die Plugins der am-Suite sehen erdig und realistisch aus, bedienen sich aber keiner optischen Vorbilder (zumindest sind mir keine bekannt). Wie siehst du das?

Ich bin ein sehr visueller Mensch. Plugins, die in meinen Augen furchtbar aussehen oder sehr mathematisch daherkommen, mag ich nicht gerne bedienen. Ich seh das wie bei Monty Python: ich bin Löwenbändiger, kein Buchhalter.
Der Kollege, der die Plugin-Oberflächen gestaltet, hat in meinen Augen die perfekte Balance zwischen Funktionalität und Sex Appeal getroffen. Wir wollten die GUIs auch bewusst nicht zu realistisch machen. Sowas nutzt sich zum einen sehr schnell ab, unterliegt der Mode und zum anderen sind ‚echte‘ Elemente am Bildschirm nicht unbedingt ergonomisch.

Magix am-munitionNeu im Reigen der am-Plugins ist am-munition, ein sehr komplexes Plugin, das sich für Masteringanwendungen empfiehlt. Dabei steht wohl nicht der brachiale Brickwall-Limiter samt Lautheitsmaximierung im Vordergrund, sondern eine schon fast chirurgisch einsetzbares Soundwerkzeug samt M/S Bearbeitung. Wie würdest du die Stärken und Besonderheiten von am-munition beschreiben?

Wenn mich eine Sache an den gängigen Software-Limitern massiv stört, ist es die Tatsache, dass sie fast alle irgendwann die Transienten glattbügeln. Einige sind zwar ansonsten vollkommen transparent, sie färben nicht, aber sie nehmen trotzdem etwas weg. Wenn eine Snare statt ‚peng‘ nur noch ‚pffscht‘ macht, nützt mir alle Transparenz nichts. Hier setzt am-munition an, indem die Transienten durchgelassen werden, um von einem zweistufigen (und zweibandigen) Clipper gebändigt zuwerden. Dieser ‚konvertiert‘ quasi Amplituden- in spektrale Energie. Nichts geht verloren. Natürlich kann man’s auch hier übertreiben, aber dann merkt man’s auf jeden Fall, und vor allem frühzeitig.

Eine andere Eigenart dieser Brickwall-Limiter: sie sind so lachhaft simpel zu bedienen. Prinzipiell gut, aber wenn man noch nicht viel Erfahrung oder kein wirklich geschultes Ohr hat, übertreibt man es schnell. Die Plattenläden und das Internet sind voll von Amateurproduktionen, die mit den bekannten 2-Fader-Limitern bis zum Stehkragen aufgerissen sind, aber einfach nur schrill und – jetzt kommt das böse Wort – kalt – klingen.
Bei am-munition sage ich gerne scherzhaft, es gehört nicht in Kinderhände. Die vielen Regler sind schon so etwas wie eine didaktische Maßnahme. Man kann natürlich sagen, Magix, Ihr habt ’nen Schatten. Aber ich bin mir sicher, die Mühe lohnt sich. Man bekommt als ernsthafter Engineer ein ganz anderes Werkzeug an die Hand, mit einem großen Maß an Ausdruckskraft. Da ist nichts überflüssig. Jeder in diesem Business hat seine Handschrift, ich denke es ist die Pflicht als Hersteller eines Werkzeugs, ihm dann auch etwas anzubieten, was seine Arbeit und seinen Stil unterstützt, anstatt ihn zu einem uniformierten ‚Industriesound‘ zu zwingen. Immerhin geht es um Musik.
Sicher mag es Anwendungen geben, bei denen Produkt XY besser wäre als am-munition. Vielleicht ist es mitunter sehr ’speziell‘. Aber ein erfahrener Anwender bekommt das recht schnell mit, welche Tools sich wofür eignen. Dem nicht so erfahrenen würde ich dagegen sagen, lass dir nichts erzählen, es gibt nicht DAS ultimative Werkzeug, probiere möglichst viele aus. Wahlfreiheit ist eine großartige Sache, wie so oft im Leben.

Welche Tipps hast du für die User von am-munition?

Nur zwei:
1. Augen zu.
2. Ohren auf.

Das Vari Verb ist ein algorithmisches Reverb-Plugin mit eigenem Sound, entgegen des derzeitigen Trends zu Produkten, die auf dem Faltungsprinzip basieren. Welches waren deine Überlegungen bei der Entwicklung dieses Reverbs, wo siehst du den Haupteinsatzzweck und wie ist deine Einstellung zu Systemen, die auf Impulsantworten basieren. Der Liquidmix von Focusrite erzeugte ja mit seiner Simulation vieler bekannter und teilweise unbezahlbarer Hersteller viel Aufsehen.

Das mit der ‚Überlegung‘ ist nicht so einfach. VariVerb war eigentlich ein sehr evolutionäres Ding. Das entstand nicht am Reißbrett. Eigentlich total witzig: wir hatten ja seit Jahren diesen Standardhall im Programm, im ‚Delay/Hall‘-Dialog, sowohl bei den Consumer- als auch bei den Pro-Produkten. Das wollten wir mal dringend angehen. Nun gibt es für viele Algorithmen erst mal Standardlösungen, nur bei Hall sieht es dünn aus. Eine handvoll mehr oder weniger theoretische Paper, ansonsten eine Menge Mythen, Personenkult und gut gehütete Betriebsgeheimnisse. Man kann aber sagen, viele PC-Reverbs, aber auch externe Geräte, verwenden für Brot- und Butter-Hall das alte Schröder-Moorer-Modell: ein paar parallele Delays, jeweils mit Feedback gefolgt von vier Allpässen, um die Spuren dieses Dramas zu verwischen… ich sag mal, 80% der nativ erhältlichen Hallalgos folgen diesem Prinzip bei variabler Anzahl von Delays und mit mehr oder weniger weiteren Ausschmückungen. Wir hatten auch sowas drin, es war aber mal an der Zeit, das zu ändern.

Magix Variverb ProKurz noch was zum Namen: Es gibt VariVerb ‚Pro‘, also muss es ja eines ohne ‚Pro‘ geben. Genau das sitzt im Effekt-Rack vom MusikMaker und MusicStudio. Das ist nicht unbedingt schlechter als das ‚große‘, es ist eher eine Art Designstudie. Einen algorithmischen Hall zu bauen ist ein hoch empirischer Vorgang. Dementsprechend oft baut man etwas zusammen, ändert es, fügt was hinzu, zerreißt das ganze in der Luft, macht was neues etc. Das ‚Pro‘ hat diese Plate- und Retro-Algos an Bord. Genau diese stecken prinzipiell in der kleinen Version, nur ein bißchen anders parametrisiert. Die regulären Räume und die ‚großen‘ HQ-Modelle kamen erst relativ spät, und das ganze Thema dauert immer noch an.
Diese Hall-Entwicklung stellt sich mir ähnlich dar wie die anderen Effekte: man kann da sehr viel persönliches hineinpacken, quasi ’seinen‘ Raum, die eigenen klanglichen Vorstellungen. Von daher bin ich mit so einem Ansatz per se viel glücklicher als mit der Aufgabe, einen Faltungshall zu entwickeln.

Abgesehen von persönlichen Neigungen kann ein algorithmischer Hall etwas, was der impulsbasierte nicht kann: ein Eigenleben entwickeln, ‚atmen‘, einzigartig sein. Eine Impulsantwort ist zwar an einem realen Ort entstanden, ist aber so irreal wie nur möglich. Sie stülpt dem Signal einen Klangverlauf über, aber sie interagiert nicht. In meinen Augen ist das schon absurd. Spiele ich als Musiker in einen Konzertsaal, spüre ich und die anderen das nicht nur körperlich, sondern jeder ist Teil des ganzen Systems, und sei sein Anteil noch so mikroskopisch. Und Teil des Systems sind nicht nur Akteure und Zuhörer, sondern jedes schwingende Element, Luftmoleküle inbegriffen. Im übrigen kann ich die oft geäußerte Kritik an ‚modulierendem‘ Hall nicht gelten lassen. Sich bewegende Luft erzeugt Druckschwankungen, dadurch letzlich Dopplereffekte, seien sie auch noch so winzig.

Neben der am-modelling Suite gibt es auch noch die am-Vintage Suite mit Modulations, Echo/Delay- und Filtereffekten, die sehr vielseitig klingen und einsetzbar sind. Vom virtuellen Preamp zum modellierten Choruseffekt ist vor dir wohl nichts sicher?

Magix Vintage SuiteGut, wir hatten als Host-Hersteller natürlich Nachholbedarf, muss man ganz klar sagen. Wir hören ja auch auf die Nutzer, die schon lange eine Grundpalette von Effekten vermisst haben.
Aber mit den Vintage-Effekten ist das wie mit dem Hall und den AM-Plugins: fängst du einmal an, ist das eine unendliche Geschichte. Es gibt so vieles, was man machen kann. Schau Dir im Gitarrenladen an, wie viele bunte Bodentreter es mittlerweile gibt. Die klingen auch nicht alle gleich, jeder hat seine Zielgruppe.
Soll heißen: auch die VE-Suite folgt einer bestimmten Philosophie. Sei ordentlich, aber sei ruhig ein bißchen anders.

Können wir in Zukunft vielleicht sogar virtuelle Instrumente erwarten, oder hast du in dieser Richtung keine Ambitionen?

Gibt’s ja schon. Wie gesagt, der Robota war die eine Sache. Seit letztem Jahr gibt es im MusikMaker und MusicStudio dann aber auch noch einen Synth nach klassischem VA-Muster: Revolta. Wobei der nur monophon war und hauptsächlich Bass & Leads konnte. Seit diesem Jahr gibt’s Version 2, die ist 12-stimmig polyphon, hat 2 OSCs mit den üblichen Grundwellen (frei durchfahrbar), FM, Noise, LFOs, Stepsequenzer, Matrix, 2 FX-Slots mit momentan 13 Effekten – darunter einen Hall, auf den ich eigentlich ganz stolz bin – und eines der fettesten Filter überhaupt, keines von der Stange. Dazu noch Sounds von jemanden, der ansonsten für ganz andere Größen arbeitet. Ziemlich ungewöhnlich, das der in den eher ‚kleineren‘ Produkten drin ist, aber auch das war ein Experiment. Wir werden sehen, wo das noch hinführt…

Kannst du schon verraten, auf was man sich demnächst freuen kann bzw. in welche Richtung deine weiteren Entwicklungen gehen?

Ich freue mich gerade auf Weihnachten und bald freuen wir uns sicher alle auf Ostern oder so… nee, sorry, dazu sag ich noch nix…

Wie siehst du die weiter Entwicklung der Plugin- und Modellingtechnik allgemein. PCs werden mit Dual- und Quadcore-Technik immer leistungsfähiger und DSP-Systeme vielleicht obsolet?

Da vermag ich gar keine Einschätzung zu geben. Gerade was Hardware und den Blick in die Zukunft angeht, haben alle selbsternannten Experten regelmäßig daneben gegriffen. Mit solchen Vorhersagen würde ich vorsichtig sein.
Fakt ist, das die UAD-Karten und Systeme wie PowerCore vielen Leuten oft weniger Kopfzerbrechen macht als vielleicht die Rechner, in denen sie stecken. Man muss auch beachten, da kommen Firmen, die ihr Zeug gut kennen, die bieten maßgeschneiderte Lösungen an, dazu auch noch ein Produkt, dass Anforderungen von kommerziellen Studios aller Größen gerecht wird. Schnelle CPUs sind schön und gut, wenn die Systeme, auf denen sie werkeln, auch gut durchdacht sind, stabil laufen und nicht andauernd ein technologisches Update mitsamt dem ganzen Zeitaufwand erzwingen.

Du bist selbst noch Musiker und die Tätigkeit für Magix nimmt sicher nicht nur die reguläre Arbeitszeit in Anspruch. Wie entspannst du dich, was läd deine Akkus wieder auf – du bist ja verheiratet und vor nicht allzu langer Zeit Vater geworden.

Ja, wir haben eine kleine Tochter, die ist mittlerweile zweieinhalb. Da kannst du natürlich keine Egonummer durchziehen, Familie geht nun mal vor. Aber ich fühl mich auch wohl in der Rolle, meine Damen sind mir durchaus wichtiger als irgendwelche Plugins und die Credits. Ich ertappe mich dabei, immer weniger zuhause am Rechner zu machen. Ausgleich ist wichtig.

Seit ein paar Jahren lese ich wieder mehr, vor allem Sachen, die gar nichts mit diesem Business zu tun haben. Ob es mich wirklich ‚entspannt‘, weiß ich nicht, aber es ‚kalibriert‘ mich. Ich finde es wichtig, über seinen eigenen Tellerrand zu schauen, sich für das zu interessieren, was in der Welt vor sich geht. Ich reise gern – sofern sich Gelegenheiten bieten – mich interessieren andere Kulturen, ich bin ein Nachrichten- und Doku-Junkie.

Prima entspannen kann ich in der Küche. Ich bin sicher kein toller Koch, aber das ganze hat für mich durchaus etwas meditatives.

Ach ja: tauchen ist natürlich das größte. Entspannung und Adrenalin zugleich. Leider zu selten und dann noch ziemlich teuer…

Vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast und alles Gute!

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5 Kommentare zu “Interview mit Samplitude Plugin-Entwickler Sascha Eversmeier

  1. Es war wieder mal interessant hinter die Kulissen/Denkweise dieses talentierten Entwicklers/Musiker schauen zu können.

    Gruss an Alle und wunderschöne Weihnacht/neues Jahre wünsch ich Euch…..

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