Ich schreibe selten mehr über virtuelle Instrumente, Plug-Ins und Synthesizer. Es gibt schlichtweg zu viele Plug-Ins und gerade bei den Klangerzeugern sind es meistens nur Variationen von Produkten, die es eh schon gibt. Folgt nachbelichtet auf Facebook, Twitter, Instagram, Pinterest und YouTube Dann gibt es aber auch die Plug-Ins, die aus der Reihe tanzen. Voll […]

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Ich schreibe selten mehr über virtuelle Instrumente, Plug-Ins und Synthesizer. Es gibt schlichtweg zu viele Plug-Ins und gerade bei den Klangerzeugern sind es meistens nur Variationen von Produkten, die es eh schon gibt.

Dann gibt es aber auch die Plug-Ins, die aus der Reihe tanzen. Voll mit unendlichen Möglichkeiten. Für mehrere Einsatzzwecke geeignet und so umfangreich, dass man sie sich sogar als die einzige Anwendung vorstellen kann. So ist es mit UVI’s Falcon.

Bei diesem Plugin muss ich zugeben, dass ich längere Zeit etwas zurückgeschreckt bin und das Review eine ganze Weile vor mir hergeschoben habe. Der Grund dafür ist, dass dieser Klangerzeuger schlichtweg so mächtig und umfangreich in seinen Möglichkeiten ist, dass ein umfassender Test praktisch unmöglich ist. Wir haben es hier nämlich eher mit einer Plugin-Gattung zu tun, die man mit Native Instruments Kontakt vergleichen kann, neben Sampler aber auch Synthesizer und Workstation ist. Man könnte auch sagen, dass es die Ultra-Version der UVI Workstation ist, denn glücklicherweise kann man die zahlreichen UVI Sound Banks damit ebenso nutzen.

UVI Falcon kommt als VST/AU/AAX Plugin und in einer Stand Alone-Version und wird mittels Pace iLok geschützt. iLok Kopierschutz-Dongles sind nicht jedermanns Sache, ich finde das aber gar nicht so unpraktisch, da ich ohne weitere Challenge-Response-Aktivierungen die Software an jedem Rechner nutzen kann, ohne weitere Aktivierungen oder Deaktivierungen vornehmen zu müssen.

Aufbau und Systematik

Der Falcon ist multitimberal und jeder Multi kann beliebig viele Parts enthalten. Jeder Part hat seinen eigenen Ausgang inkl. Fader, Inserts und Aux im Mixer

In jeder Part kann dann ein Program aufnehmen. Darin befinden sich die eigentliche Sounderzeuger mit Oszillatoren, Samplerfunktionen etc. Innerhalb eines Programs kann man zusätzlich noch verschiedene Sounds in Layern übereinanderschichten die dann auch noch einem Bereich auf der Klaviatur zugewiesen werden können. Für einen reinen Synthesizer ist das eine recht ungewöhnliche Struktur, aber Falcon lässt sich nicht auf die eine Funktion festnageln und daher entspricht die Struktur eher der eine Samplers oder einer Workstation.

Wer bislang den gewohnten „links nach rechts“ Aufbau eines klassischen Synthesizers, mit den Oszillatoren links, Filter in der Mitte und Hüllkurven rechts im Hinterkopf hat, muss hier etwas umlernen, denn beim Falcon geht es eher von oben nach unten.

Die Struktur eines Falcon-Multis von oben nach unten in der praktischen und übersichtlichen Tree-Ansicht

 

Ein „Oszillator“ ist beim UVI Falcon auch eher als Klangerzeuger im weitesten Sinne zu verstehen. Er kann daher nicht nur aus den üblichen Wellenformen bestehen, sondern auch Samples (AIFF, FLAC, MP3, MP4 (mit QuickTime auf Windows für MP3/MP4), REX1, REX2, SDII (Mac), WAV, WAV64, SFZ, SND, CAF), Wavetables, Slicer (mit dessen Hilfe sich Loops an den Transienten aufteilen lassen) und granulare Tonerzeuger. Ebenso gibt es FM-Oszillatoren, physical Modelling (Pluck), eine Orgel mit acht Zugriegeln und auch Drum-Elemente sind zu finden.

All das dient als Ausgangspunkt für einen Sound, der nachfolgend mit Filtern, Effekten, Modulatoren usw. verändert werden kann. Um einmal ein paar Zahlen zu nennen: Wir sprechen hier von 15 Oszillator-Typen mit sieben Sampling- und acht Synthese-Quellen. Allein der Samplermodus kann dann noch mit Slice- und Stretch Funktionen bearbeitet werden und vom französischen Soundspezialisten IRCAM kommen noch Granular, Multi Granular, Scrub und Stretch Funktionen hinzu.

Der so erzeugte Sound kann mit 82 (!!) Effekten wie EQ, Filter, Modulation etc. bearbeitet werden. Sogar einige Meter zur Soundanalyse (Spectrum Analyzer, Stimmgerät und Phasenanzeige) sind mit dabei. Die Effekte des Falcon sind von guter bis sehr guter Qualität. 23 davon kennt man bereits aus der UVI-Workstation. Den Anspruch von UVI an Falcon erkennt man aber schon daran, dass man z. B. das hauseigene Spark-Reverb (Test HIER) im Falcon findet.

Parameter können mit acht Modulationsquellen, darunter verschiedene Hüllkurven, Multi-Envelopes, Step Envelope und LFOs bearbeitet werden. Als ob das nicht schon genug wäre, kann man auch noch eigene Macros erzeugen. Aber auch hier sind wir noch nicht am Ende, denn zum Schluss können auch noch MIDI-Daten mit dem Event-Prozessor manipuliert werden. Damit lassen sich etwa Arpeggiators erstellen, aber auch MIDI-Files abspielen und ganz eigene Scripts mit der Scriptsprache LUA erzeugen.

Benutzeroberfläche und Bedienung

Damit dieser unglaubliche Funktionsumfang übersichtlich bleibt, hat UVI den Falcon erstaunlich übersichtlich halten können. Zunächst können die Hauptansichten Main, Mixer und Perf(ormance) umgeschaltet werden.

Im linken Panel befinden sich die Multi/Part Ansicht, eine Listenansicht mit einem Überblick über das aktuelle Multi sowie eine Baum-Ansicht, die gerade bei umfangreichen Patches mit vielen Parts, Layern etc. eine schnelle Übersicht über deren Struktur bietet. Die Perf-Ansicht besteht dabei aus einer Liste der im aktuellen Multi enthaltenen Parts samt schnellem Zugriff auf wichtige Einstellungen wie Part-Volumen, Pan, Ausgang, Mutes etc.

Perf-Ansicht mit einer übersichtlichen Darstellung aller Parts

Die Mixer-Ansicht bietet Zugang zum kompletten Mixer inkl. Aux-Wegen, Inserts etc. und in der Main-Ansicht findet man den Arbeitsbereich zur Klangerstellung. Dieser ist noch einmal in fünf Tabs Info, Edit, Effects, Events und Mods unterteilt.

Der Mixer mit Effekten und Aux-Wegen

Während man im Edit-Modus die eigentliche Sounderzeugung bearbeitet, bietet der Info-Bereich einen sehr angenehmen Zugriff auf die wichtigsten Parameter eines Parts. So lassen sich auch extrem umfangreiche Einstellungen über ein selbst gestaltbares Bedienpanel schnell bedienen. So kann man z. B. den Cutoff-Regler und den Delay-Mix „herauslegen“ und muss sich damit nicht immer durch alle Module kämpfen. Selbstverständlich lassen sich auch alle Parameter per MIDI-Learn an einen MIDI-Controller anlernen oder der Automation der DAW zuweisen.

Makro-Panel im Info-Modus

Im rechten Panel findet man dann schließlich noch das Preset-Verzeichnis, Oszillatoren, Effekte, Multieffekte, den Eventprozessor sowie den Browser für die Modulationsquellen.

Startet man mit einem leeren Multi, legt man im linken Panel einen neuen Part an, geht in die Main->Edit Ansicht und zieht aus dem rechten Panel im Oszillator-Browser einen oder mehrere Oszillatoren auf das Keyboard unten und erstellt damit eine oder mehrere Zonen.

Klangwelten

Virtuellen Instrumenten mit einem dermaßen großen Funktionsumfang haftet oft das Vorurteil an, dass sie alles ein bisschen, aber nichts wirklich gut können. Das kann man vom UVI Falcon absolut nicht behaupten. Die Klangerzeugung ist hervorragend. Die virtuell-analoge Fraktion klingt organisch und ohne Artefakte oder irritierendes Geschwurbel. Gerade die Wavetable-Synthese klingt hervorragend und mit den Granularfunktionen von IRCAM ergeben sich unendliche Möglichkeiten, aus Samples komplett neues und abgedrehtes Soundmaterial zu generieren.

Die mitgelieferte Bibliothek umfasst 630 MB an Wavetables, Samples für die Granular Synthese und 458 Programs aus 20 Kategorien, inklusive ein absolut beeindruckenden Auswahl an Arp-Sounds. Dabei ist Falcon in der Lage, abgrundtiefe Bässe und heftig angezerrte Sounds zu generieren, die dabei aber immer rund und echt klingen. Je nach Anzahl der Layer, Effekten und Art der Oszillatoren, kann das auch schon mal deutlich an der CPU zerren. Allerdings wird man mit außergewöhnlich dichten und abwechslungsreichen Sounds belohnt.

Die mitgelieferten Beispiele zeigen sehr gut die immensen Klangmöglichkeiten, allerdings wird mancher traditionelle Brot und Butter Sounds vermissen. Diese lassen sich natürlich auch recht flott manuell erstellen – so verhilft etwa das physical Modelling schnell zu Mellotron Sounds. Allerdings möchte man oft auch schnell auf Preset-Material zugreifen (wenngleich es eine Schande wäre, auch den Falcon zum reinen Preset-Player verkommen zu lassen). Hier kann man aber ganz einfach auf vorhandenes Samplematerial zugreifen oder eine der vielen UVI-Bibliotheken installieren – ein $100 Gutschein liegt dem Falcon bei. Nennen möchte ich hier z. B. den Ultra Mini oder die UVI String Machines.

Sound Banks für den UVI Falcon – Ether Fields

Speziell für den Falcon gibt es allerdings schon jetzt vier Expansion-Packs, von denen ich „Ether Fields“ testen konnte. Diese besteht aus 100 Patches, die sich allesamt um atmosphärische Pads, und organisch aufbauende Soundflächen drehen.

Schnellen Eingriff auf den Sound erlauben die oben genannten Macros im Bereich „Info“. Wer will kann (und sollte) natürlich diese Presets als Ausgangspunkt für weitere Soundexperimente nutzen und mit dem vollen Funktionsumfang von Falcon bearbeiten.

Gerade Sounddesigner finden hier jede Menge Futter für Filme und Videos. Auch ein Bett für Vlogs ist damit schnell gestrickt.

Fazit

Den Funktionsumfang und die Bedienung des UVI Falcon in einem solchen Review zu beschreiben, scheitert schlicht an der Komplexität und dem großen Funktionsumfang, umfasst doch das Produkthandbuch 194 Seiten und hier hätte mancher Bereich deutlich umfangreicher ausfallen können. Zu Beginn kann Falcon erst einmal etwas abschrecken, da es eben nicht der übliche VST-Synthi ist, bei den man eine Anzahl an Knöpfchen und Reglern findet, mit denen man gleich vertraut ist. UVI stellt jedoch eine ganze Reihe (englischer) Tutorials auf YouTube zur Verfügung:

Hat man aber erst einmal die Struktur aus Multi, Part, Program und Layer sowie die Rolle der Oszillatoren verinnerlicht, ist die Sounderstellung ein sehr großes Vergnügen. Alleine mit der Granular Synthese kann man ich schon Tage aufhalten und da hat man noch nicht einmal großartig mit den Events gespielt und das Scripting noch nicht einmal angefasst.

Mit dem Falcon erhält man jede Menge synthetische Klangerzeuger, einen Sampler, ein mehr als komplettes Arsenal an qualitativ hochwertigen Effekten sowie die Möglichkeit, die Funktionen per LUA-Scripting noch deutlich zu erweitern.

Auch UVIs bekannte Sound-Bibliotheken können in Falcon geladen werden

Auf der anderen Seite kann man aber auch ganz einfach vorhandene Samples und Loops nutzen und durch die Mangel ziehen. Oder man setzt auf UVIs zahlreiche Expansion Packs.

Für 349,00 Euro bekommt man einen Klangerzeuger, mit dem man sich vermutlich Jahre beschäftigen kann und der praktisch alle Anwendungen abdeckt. Im Übrigen vereinfachen solche multitimberalen Plug-Ins auch den Workflow beim Songwriting, da man sich passende Multis schaffen kann, die dann gleich Tasten, Drums, Soloinstrumente, Pads und Effekte enthalten und sofort einsatzbereit sind.

Durch die Perf-Ansicht eignet sich Falcon auch für Live-Anwendungen und ich könnte mir tatsächlich vorstellen, dass dieses Plugin sogar der einzige Klangerzeuger sein könnte, den man auf der Festplatte braucht. Auf jeden Fall hat der UVI Falcon das Zeug zu einem Klassiker à la Spectrasonics Omnisphere und u-he Zebra.

Leider gibt es keine Demo-Version. Allerdings macht man mit dem Kauf von UVI Falcon garantiert nichts falsch – wenn man gewillt ist, sich mit seinem großen Funktionsumfang einzulassen.

Mehr Infos UVI.NET

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