Die Digitalfotografie brachte zweifelsohne viele Vorteile und neue Möglichkeiten. Allerdings führte sie auch, z. B. durch den Sofortbild-Effekt, zu eigenartigen und teilweise auch kontraproduktiven Angewohnheiten bei vielen Fotografen. Einige, die mir aufgefallen sind – und ich möchte mich da auch ganz bewusst nicht ausnehmen – habe ich hier einmal zusammengefasst:

Der Kontrollblick

Der Kontrollblick ist für mich der Inbegriff der digitalen Fotografie: Nach jedem Druck auf den Auslöser, wird die Kamera vom Auge gerissen, schräg nach unten gehalten und das Bild kontrolliert. Meist in knallender Sonne, ohne dass zumindest das Histogramm – oder das das Gehirn – eingeschaltet wäre. Das einzige, was mich bei so einem Kontrollblick interessieren könnte, wäre die korrekte Belichtung und die sehe ich halt nur im Histogramm. Aber viele sehen sich offenbar einfach nur an, ob da ein Bild vorhanden ist.

Wenn der ständige Kontrollblick schon sein muss, weil man seine Kamera nicht kennt, dann doch wenigstens mit einem aussagekräftigen Histogramm, denn die korrekte Belichtung, kann man bei Sonneneinstrahlung auf dem Display nicht beurteilen.

Der Kontrollblick macht außerdem das Gegenüber unsicher, da man als Fotograf das Ergebnis sofort sieht und man womöglich noch das Gesicht verzieht. Das Model kennt aber diese Zwischenergebnisse nicht und weiß auch nicht, dass man das Gesicht verzieht, weil man zu doof war, den Weißabgleich einzustellen. Deshalb sollte man zwischendurch die gemachten Bilder zusammen mit dem Model durchgehen und das Model bei technischen Fehlern kurz informieren.

Die falsche ISO-Einstellung:

Da knipst man den Geburtstag der Omma in schummriger Runde und ISO 1600, damit man der alten Frau nicht bei jedem Blitz mit Leitzahl 56 den grünen Star von der Netzhaut ballert. Alles wunderprächtig und am nächsten Tag machen wir ein paar Landschaftsaufnahmen. Natürlich haben wir vergessen, die ISO-Einstellung zurückzustellen und die Bilder sind verrauscht. Zwar sollte der fortgeschrittene Fotograf nach zwei Fotos merken, dass da etwas nicht passen kann, wenn bei Blende 22 noch mit 1/1000 belichtet wird, aber naja …

 

Die Sucherdisplays vieler Kameras zeigen auch leider nicht immer die aktuelle ISO-Zahl im Sucher an – oder man übersieht diese einfach.

Deshalb nach jedem Shooting, alles zurück auf Standard! Alternative: Einen Kamerareset durchführen. Das geht bei vielen Modellen durch das gleichzeitige drücken zweier Tasten (bei Nikon-SLRs sind diese mit einem grünen Punkt gekennzeichnet). Dabei werden ISO-, Weißabgleich, Belichtungskompensation etc. wieder auf Standardwerte zurückgesetzt und alles ist im grünen Bereich. Oder man arbeitet mit der ISO-Automatik, was ich gerne mache. Meine Kamera ist auf einen Bereich von 100 bis max. 800 ISO und einer minimalen Belichtungszeit von 1/30 Sekunde eingestellt.

Menügewühle:

Moderne Kameras haben Funktionen und Menüstrukturen, gegen die die Vorprogrammierung eines Videorecorders in den 80er Jahren ein Kinderspiel war. Fangt nicht an, während eines Shootings im Kameramenü rumzublättern und andere Einstellungen auszuprobieren, denn das bringt meist gar nichts.

Beschäftigt euch in einer ruhigen Stunde mit den verschiedenen Möglichkeiten eurer Kamera und probiert die verschiedenen Einstellungen und Auswirkungen sorgfältig aus.

Teurer Body – schlechte Linsen

Jaja, der Kamerabody mit seinen unzähligen Features und Megapixeln, liegt noch immer im Mittelpunkt des Interesses. Getreu dem Motto “Shit in – shit out”, ist aber das Glas vorne dran viel wichtiger. Warum man trotzdem an einem 1500€ Body noch 200€ Objektive sieht, ist mir schleierhaft.

Equipmentfetischismus

Genau das Gegenteil des vorherigen No-Go’s: Bevor überhaupt das erste Bild gemacht wurde und man herausgefunden hat, für was Blende und Verschlusszeit gut sind, muss erst einmal das teuerste Equipment her. Leider macht auch die beste Ausstattung, die Fotos nicht von selbst …

Sensor-Putzwut

Ohgottohgottohgott – ich hab ein Staubkorn auf dem Sensor – wir werden alle sterben! Ja, sterben müssen wir sicher alle einmal, aber nicht wegen ein paar Krümeln auf dem Sensor, bzw. dem vorgelagerten IR-Sperrfilter. Sensorstaub ist praktisch unvermeidbar, wenn man ab und zu das Objektiv wechselt. Aber er tritt erst bei kleinen Blenden negativ in Erscheinung und fällt dann auch nur in gleichmäßigen Flächen wie blauem Himmel etc. auf.

Zudem kann Sensorstaub z. B. in Lightroom ganz einfach nachträglich – auch in mehreren Bildern gleichzeitg – beseitigt werden.

Wenn es dann ums Putzen des Sensors geht (ganz ehrlich: das hab ich noch keine 10 mal in 5 Jahren gemacht), dann beginnen Voodoo und Aberglauben. Am besten den Sensor nur bei Vollmond unter einer 150 jährigen Eiche putzen, während man die Kamera in Richtung Mekka hält. Pragmatiker wie ich geben keine 150€ für einen Reinigungspinsel oder obskure Reinigungskits samt Spezialflüssigkeit aus Molchaugen und kaltgepressten Elfenflügeln aus, sondern nehmen einen Blasebalg sowie einen Sensorklear Pen oder einfach einen Q-Tipp und etwas Methanol, wenn es wirklich hartnäckig sein sollte. Der Sensor ist nicht aus Zucker – keine Angst!

Vorschnelles Löschen von Bildern

Speicherkarten sind billig und groß. Im Jpeg-Format bringt man auf eine 4GB Karte gut und gerne 500 Fotos. Trotzdem wird nach einem Kontrollblick im Millisekundenbereich, schnell ein Foto gelöscht, weil es auf dem Kameradisplay als nicht geglückt eingestuft wird. Damit bekommen diese Ausrutscher, die aber vielleicht eine ganz eigene, interessante Ästhetik haben, wenn man sie mit etwas zeitlichen Abstand auf dem Monitor betrachtet, überhaupt keine Chance. Löschen kann man später immernoch – wir habe doch genügend Platz!

Mangelhafte oder gar fehlende Datensicherung

Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel Gedanken sich um technische Details der Kamera gemacht werden und wie wenige um die Datensicherung. Wenn überhaupt gesichert wird, dann auf unzuverlässige DVDs und CDs oder im besten Fall noch auf eine externe Festplatte. Was aber, wenn ein Virus auf der ständig angeschlossene Backup-Festplatte sein Unwesen treibt? Okay, die Mac-Fraktion hat hier einen gewissen Vorteil, ist aber auch nicht von Datenverlust gefeit.

Zu einem echten Backup gehört eine zusätzliche Sicherung, die an einem anderen Ort gelagert wird. Wenn die Existenz von den Daten abhängt, ist das ein Bankschließfach oder ein zusätzliches Online-Backup.

Richte ich später!

Digitale Fotografie und allen voran das RAW-Format verzeiht viele Fehler. Deshalb ist nicht selten eine “richte ich später” Einstellung zu beobachten. Man kann ja noch schnell mal den Horizont gerade richten, die Belichtung um 2 Blende noch oben jubeln oder den Weißabgleich nachträglich einstellen, weil man vorher einfach unkonzentriert – oder überfordert war. Außerdem will man alles, sich aber keinesfalls festlegen! Ein gutes Bild, kommt schon gut aus der Kamera – das ist aber nur meine Meinung icon wink 10 schlechte Angewohnheiten von Digitalfotografen

Schlechte Qualität aufs Equipment schieben

Der “Ichbinniezufriedenmann” im Ohr, flüstert ständig “Es gibt eine noch bessere Ausrüstung, damit werden deine Bilder endlich so, wie du sie dir vorstellst. Kauf das Zeug!”. Dieser “Ichbinniezufriedenmann” wohnt übrigens vornehmlich in Fotoforen und Fotozeitschriften. Leider ist diese Männlein eine ganz mieße Type, denn er lügt! Die Bilder werden gar nicht besser, sondern nur größer oder vielleicht auch schärfer und mit 8 Bildern pro Sekunde kann man noch mehr schlechte Fotos in noch kürzerer Zeit machen …

Welche schlechten Angewohnheiten hast du beim fotografieren oder was regt dich bei anderen besonders auf?

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27 Responses

  1. Timmermann

    Im großen und ganzen sprichst du mir aus dem Herzen, wenn ich mir deine Auflistung so ansehe. Nur bei dem “billigen” Objektiv kann ich das teilweise nicht ganz nachvollziehen – es gibt durchaus auch Festbrennweiten in diesem Preisbereich, die sehr gut abbilden. Wenn es dann allerdings an die Suppenzoom-Fraktion geht, gebe ich dir vorbehaltlos recht..

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  2. Besim

    Ach, wie sehr ich diese sarkistischen Beiträge liebe. Aber ohne die ganzen Fraktionen, die du ansprichst, hätte man weniger zu lachen :)

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  3. Markus

    Bei den Objektiven muss man sicher differenzieren, denn die 50mm Festbrennweiten von Nikon und Canon sind zweifellos spitze. Nur wenn an einer D300 ein 70-300 Tamron für 150€ dranhängt, passts irgendwie nicht mehr …

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  4. dex

    Ich finde auch dass grundsätzlich ein gutes Bild bereits fertig aus der Kamera kommen sollte, jedocht passieren Anfängern/Fortgeschrittenen wie mir noch viele “Schnitzer” und kleine Fehler, und da ist man dann schon sehr froh wenn man dank RAW noch so einiges retten kann.
    Außerdem macht es mir z.B. besonderen Spass mir ein Bild vorzunehmen und am PC zu verändern.

    Fazit: Man sollte auf jedenfall darauf hinarbeiten die Bilder soweit wie möglich fertig aus der Kamera zu bekommen, RAW stellt aber eine zusätzliche Absicherung dar, falls es nicht so ganz klappt :-D

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  5. wenger

    besten Dank für die Tipps, die jedoch sehr viel Aerger verursacht haben, vorallem mit dem Förster.
    Nachdem ich ungefähr 15 Eichen gefällt habe auf der Suche nach der 150 jährigen, endlich eine 151 jährige. Eine der Eichen ist leider auf die Fototasche gefallen, ob die Kamera futsch ist? der Baum liegt noch da, hoffentlich ist wenigstens der Sensor sauber geblieben, Gruss aus dem Eichenwald. Ps bin noch auf der Suche nach Mekka?

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  6. portyqui

    Wie weit geht die Bearbeitung eines eigentlich out-of-the-box Fotos?

    Ich passe höchstens noch den Ausschnitt an und gebe dem Bild mit Gradiationskurven mehr Tiefe, bzw. mixe auf Graustufen runter.

    Mehr ist meiner Meinung nach nicht nötig.

    Belichtung aus RAW Bildern nachkorrigieren ist nicht immer möglich. Die Belichtung muss schon bei der Aufnahme sitzen.

    Und ob es ein Schwarz-Weiß Foto werden soll, weiß ich in der Regel schon bei der Aufnahme, die Belichtung passe ich dann entprechend an.

    Und das mit dem Billig-Objektiv an einer Highendkamera… naja. Ich hab sowas erlebt. Ich wollte jemanden um Rat fragen bezüglich Objektiven. Er Hatte ein Ultrazoom Tamron (glaub, keine 300 Euro) an einer D300.

    Ich hatte Mühe das “Gespräch” zu beenden nach dem ich versehentlich gesagt habe, dass ich von so einer Kombination nichts halte.

    -porty

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  7. Guido

    Auf eine 4GB Karte bekommt man mit gängigen DSLRs (8-14 MP) statt 500 JPEGs eher 1000-2000 JPEGs. Die Dateigrößen liegen je nach Motiv durchschnittlich eher zwischen 2 und 4 MB als bei 8 MB.

    Die Annahme “Bessere Kamera = bessere Bilder” könnte ja tatsächlich stimmen. Aber nur dann, wenn die Kamerahersteller endlich mal ihren Entwicklungsfokus verschieben und am gravierendsten Limit digitaler Kameras arbeiten: Dem geringem Dynamikumfang. Bei ca. 20% meiner Fotos ist das ein limitierender Faktor und auf das HDR-Gebastel habe ich wenig Lust. Aber stattdessen packt z.B. Canon in die neue 50D lieber 50% mehr Pixel. Mal abgesehen davon, dass viele Objektive das gerade zu den Rändern hin gar nicht auflösen können, dürfte das dem Dynamikmumfang und Rauschverhalten nicht zuträglich sein.

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  8. Jörg Jahn

    Ist ja mal wieder ein köstlicher Artikel, allerdings macht er mir Angst! Ich glaube ich hab den Kaufdirmalbessereineneueausrüstungnikon-Mann im Ohr. Der erzählt mir in jüngster Zeit ständig das ich die Marke wechseln soll, dann klappts auch mit den besseren Bildern ;-)!

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  9. P.Ther

    Habe den Artikel durch Zufall entdeckt…
    …und musste reichlich schmunzeln.
    Bei dem ein oder anderen Punkt habe auch ich mich wiedererkannt :) .

    Weiter so!

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  10. Teatime

    Ich rede mir in meinem Bekanntenkreis oft den Mund fusselig, weil es genau die Punkte, die Du angesprochen hast, sind, die einem manchmal nerven. Insbesondere die Fraktion, die das beste Gehäuse besitzt, aber Scherben davorknallt.

    Man kann sich den Kontrollblick auch selbst abgewöhnen, indem man einfach die Funktion im Menü abschaltet.

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  11. Sam

    Gegen die ISO hilft, manuell zu fotografieren – wer das beim manuellen Einstellen der Werte noch nicht merkt, das was verkehrt ist, hat es nicht besser verdient ;)

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  12. Jan

    In Punkt 2 ” Die falsche ISO-Einstellung” erkenne ich mich wieder … abends das Konzert fotografiert und am nächsten Tag Landschaftsfotos bei strahlendem Sonnenschein mit ISO1250 fotografiert und sich gedankenlos über die kurze Belichtungszeiten gewundert :(

    Was auch gerne vergessen wird: Den Weißabgleich entsprechend um- bzw. einzustellen ;)

    Ein weiterhin gern gemachter Fehler: Vergessen die Speicherkarte vom Vortag zu formatieren. Wenn man dann mitten im Shooting erst bemerkt, dass die Bilder vom Vorabend noch auf der Karte sind, ist es meistens schon zu spät.

    Für die wichtigsten Punkte, die man in der Hektik schon mal vergessen kann aber nicht sollte habe ich mir eine kurze Checkliste im Scheckkarten-Format angefertigt, die liegt in meiner Kameratasche immer oben auf ;)

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    • Markus Dollinger

      Das mit der Checkliste ist ja eine coole Idee! Ich kann mich bei meinen Nikons zumindest noch immer dazu durchringen, alle Einstellungen zurückzusetzen. Damit kann man schon mal falsche ISO- und Weißabgleichseinstellungen vermeiden.

      Gerne habe ich ja auch noch eine Belichtungskorrektur eingestellt und dann vergessen …

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  13. Felix

    Also ich fotografiere (mit bewusstsein) erst seit einem guten Jahr mit einer 550d und dem Standardobjektiv 18-55, jedoch einfach aus dem Grund weil ich mir kein anderes leisten kann (Ich bin Schüler) und trotzdem kann man gute Fotos schießen… Da ich viel Landschaft fotografiere kommen anstatt eines Objektivs erstmal Zusatzmaterial wie Polfilter oder Grauverlaufsfilter dazu… denn auch mit so einem Objektiv kann man scharfe Fotos machen

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  14. Jan Sieg

    Wenn ich von einem Fototermin nach Hause komme, werden als ersten die Akkus geladen, die Rohdaten rüber gezogen und bearbeitet. Nach der Bildbearbeitung gibts ein Backup der wichtigsten Dateien. Wenn ich mit allem durch bin, kommen die Akkus in die Kamera, die karten werden formatiert und eine “Grundeinstellung” von z.B. ISO 200, f/6.3, Verschlusszeit von 1/200s eingestellt, damit bin ich für die meisten Situationen gewappnet und kann schnell variieren.

    Ich bin auch jemand der gern mal aufs Display guckt, aber i.d.R. nur einmal um zu gucken ob die Einstellungen passen, obs scharf ist und die Belichtung passt, dann wird draufgehalten :-)

    Die beste Mischung ist natürlich ein guter Body mit guten Gläsern, aber nicht jeder hat das nötige Kleingeld für beides und jeder fängt doch irgendwie mal klein an. Außerdem kann man auch mit einer niedrig-Budget-Ausstattung tolle Ergebnisse erzielen, fragt sich immer nur wozu der Zweck dient und ob es privat oder für berufliche Zwecke ist.

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