In unserer Firma bin ich der Foto- und Videomann. Ich fotografiere beinahe täglich unsere wissenschaftlichen Geräte, Zubehör und Proben. Außerdem mache ich Videos zur Bedienung und Anwendung der Geräte, aber auch Produkt- und Messevideos. Daher bin ich in der Firma natürlich auch ein gefragter Ansprechpartner rund um das Thema Fotografie und Kameras – nicht zuletzt auch wegen dieser Seite. Ein kürzlich geführtes Gespräch ist aber fast symptomatisch wenn es um Kameras und Fotografie geht.

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Viele meiner Kollegen und auch der erweiterte Verwandten- und Bekanntenkreis verlässt sich gerne auf meine Empfehlungen – oder nennen wir es eher „Denkanstöße“ wenn es um den Bereich Fotografie und Technikanschaffung geht. Dabei verfahre ich wie immer nach dem Motto: Nenne mir keine Lösung, sondern schildere mir dein Problem. Damit konnte ich schon einigen zu einer Lösung verhelfen, die sie selbst gar nicht in Betracht gezogen hätten und mit der sie dann aber sehr glücklich waren.

Folgt nachbelichtet auf Facebook, Twitter, Instagram, Pinterest und YouTube

Wenn es um Fotoausrüstung und speziell um Kameras geht, zähle ich gerne diese drei Prioritäten auf:

1. Der Fotograf
2. Das Glas
3. Die Kamera

Bei vielen erzeugt das nur ein mildes Lächeln, denn den ersten Punkt können sie nicht einfach mit einer Bestellung bei Amazon erledigen. Erfahrung kannste nicht kaufen und Talent ebenso wenig. Also muss man doch mit Punkt zwei und vor allem Punkt drei den ersten Punkt kaschieren können? In der Praxis hört sich das dann so an:

Kollege: „Dann gib mir mal die Spiegelreflex mit. Aber alles auf „Auto“ stellen, gell!“

Ich: „Was hast du denn überhaupt damit vor?“

Er: „Ich will einen Polterabend fotografieren!“

Ich: „Aber du wirst damit keine besseren Bilder machen als mit deiner Kompaktkamera …“

Er: „Doch schon, oder? Warum ist sie denn dann so groß und teuer?“

Ich: „Denkanstoß: Kannst du Kochen?“

Er: „Nee, weißt du doch!“

Ich: „Aber du könntest es mit großen teuren Töpfen?“

Er: „So ein Quatsch! Was hat denn das mit dem Foto zu tun?“

Ich: „Überleg‘ mal in Ruhe – da kommst auch du drauf!“

Er: „Egal! Was hat denn die für’n Zoom? Bestimmt so 800 oder 1000 Millimeter?“

Ich: „Nee, eher so maximal 70 Millimeter. Andere Objektive hab ich hier in der Firma nicht weil ich sie nicht brauche.“

Er: „Nee, echt? Was will man denn damit?“

Ich: „Nimm sie halt mit. Akku ist voll. Karte ist leer. Viel Spaß!“

Ein anderer, älterer Kollege schilderte mir vollkommen unvoreingenommen was er denn fotografisch vor hätte und dass er sich vielleicht ab und zu auch mal mit einer manuellen Einstellung beschäftigen würde. Außerdem möchte er „etwas in der Hand haben“, aber Geschleppe vermeiden. Er ist nun mit einer Panasonic FZ1000 Bridge-Kamera glücklich, die auch noch genau in seinem Budget lag. Darauf spricht er mich mindestens einmal pro Woche bei der Kaffeemaschine an.

Für viele ist es schwer zu verstehen, dass gerade in der Fotografie die schnöde Elektronik den geringsten Einfluss auf das Ergebnis hat. Es wird vielleicht ein Foto herauskommen, das hinsichtlich technischer Parameter wie Bildrauschen „besser“ ist oder auch schärfer, weil der Autofokus genauer und schneller ist. Es wird aber nie ein schönes Bild werden. Eine große und wichtig aussehende Kamera um den Hals ist für viele oft ein Zeichen von Können. Seltsamerweise glaubt jedoch keiner, dass jemand mit einem großen teuren Auto automatisch auch ein guter Autofahrer ist. Der hat doch nur zu viel Geld …

Eine komplexe Kamera erfordert Zeit und Einarbeitung. Die Fotografie selbst erfordert noch viel mehr Zeit und Einarbeitung. Die Allermeisten sind aber nicht bereit diese Zeit aufzuwenden. Sie sind auch nicht bereit in die Hocke zu gehen oder sich auf den Boden zu legen wenn sie kleine Kinder fotografieren. Sie gehen keinen Schritt auf das Motiv zu oder davon weg, denn mit dem 500 mm Zoom ist das doch viel bequemer.

Nichts was man gut können will ist bequem. Nichts davon geht ohne Interesse, Zeitaufwand, Schweiß, Rückschläge und Enttäuschungen. Und nichts davon lässt sich durch Geld oder Technik kompensieren. Manchmal muss man sich aber auch eingestehen, dass man etwas einfach nicht kann oder kein Talent dazu hat. Solche starken Charaktere sind aber sehr selten zu finden.

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85 Responses

  1. Carsten Schouler

    Heiko Vogel Stimmt nicht ganz. Wer damit beruflich unterwegs ist, darf sich nicht "Fotograf" nennen, wenn er nicht die entsprechende Berufsausbildung hat. Für ihn bleibt dann der Begriff "Foto-Designer".

    Antworten
    • Joachim M. KESSEL

      stimmt so nicht, die Bezeichnung Fotograf ist seit 2004 keine geschütze Berufsbezeichnung mehr. Hat RA Wolfgang Rau vom Rheinwerkverlag (Blende 8) in einer seiner letzten Folgen erläutert.

      Antworten
    • Alex

      jop, ich habe das handwerk auch nicht erlernt und einfach ein gewerbe eroeffnet. das einzige, was passiert ist, war, dass ich nun in der handwerkskammer eingetragen bin – und mich somit auch photograph nennen darf

      Antworten
    • Regenbogenbieger

      Stimmt.
      Vergleich gemerkt und für weibliche Möchtegernfotografen in „Fußball spielen?“ geändert.

      Antworten
  2. Mike Gries

    Dem ist absolut nichts hinzuzufügen! Leider nimmt die "Knips`n-Go"-Mentalität zu. Es wird immer
    weniger Wert auf gute Qualität gelegt. Bildbearbeitungsprogramme und Massen von Fotoagenturen mit lizenzfreien Semi-Profi-Fotos graben dem Profi zunehmend das Wasser ab. Eine wahre Begebenheit aus den Achzigern: Der Chef einer kleinen Agentur sollte Messefotos für seine Kunden erstellen lassen. So etwas kann bekanntlich schnell ins Geld gehen! Da kommt ihm DIE Idee: Sein Sohn bekommt statt dessen eine Nikon-Ausstattung und wird damit losgeschickt. Die Bilder waren weder schlecht, noch gut……..es gab keine! Der Intelligenzsprößling hatte bei hunderten Auslösern nicht bedacht, dass seine damalige Nikon auch Filme brauchte………..

    Antworten
  3. Markus

    Gut geschrieben und ein schöner Vergleich mit den Töpfen…

    Ich glaube der Punkt „Fotograf“ wird in der Tat meist ausgeblendet, gerade weil heutige Kameras so viele Funktionen bzw. Motivprogramme haben und die Hersteller suggerieren, dass zum perfekten Fotos nur noch der Klick auf den Auslöser gehört…

    Davon können Hochzeitsfotografen wahrscheinlich ein Lied singen, oder?
    (Nein ich meine nicht mich, hab´s aber schon so ähnlich gehört)

    Etwas überspitzte Kurzform:
    Anfrage: „Hallo, machst Du auch Hochzeitsbilder?“
    Fotograf: „Klar gerne, hab da schon einige romantische Ideen – würde ca. XXX € kosten“
    Antwort: „Ach echt so viel? Na dann frag ich mal ‚Onkel Erwin‘, der hat ja auch so ne teure Spiegeldings-Kamera“ 🙂

    Oder es wird dann der „50€ + Zugang zum Buffet“- Fotograf gebucht, der sich für einen Profi hält, weil er 700€ für ne Kamera ausgegeben hat und grundsätzlich Serienbilder macht, „damit er nachher mehr Auswahl hat“…

    Und auf der anderen Seite des Farbspektrums gibt es dann unscheinbare Leute, die schon mit einer billigen Bridekamera wundervoll emotionale Fotos machen und sich dennoch eher als Amateur sehen…

    Aber macht es das nicht spannend? Auch gerade im Internet zwischen den Blendern die perspektivischen Perlen zu entdecken?

    Zumindest wenn man nicht gerade einen Fotografen sucht 🙂

    Antworten
  4. Markus Blome

    genauso sehe ich es auch. Meine erste Kamera war ne Sucherkamera mit Wechselobjektiv,geschenkt von meinem Vater. Danach kam die T70 von meinem ersten Lohn nach der Ausbildung. Aber es ist nur ein Hobby und wird es auch bleiben. Selber sehe ich mich auch nur als Hobbyknipser…und das seit über 30 jahren.

    Antworten
  5. Heiko Vogel

    Das dumme beim Beruf des Fotografen ist nur das sich komischerweise jeder so nennen darf auch wenn er das nicht gelernt hat. Ich darf mich ja auch nicht Schreiner nennen nur weil ich 6 Bretter recht gut zu einem Schrank konfigurieren kann.

    Antworten
    • Christian

      Andererseits darfst Du Dich aber auch Immobilienmakler schimpfen, wenn Du mal ein Haus inseriert hast.
      Und wenn Du einen Führerschein hast, bist Du Autofahrer. Obwohl „Autofahren gelernt“ nicht heißt, dass man es hinterher auch kann.
      Ich sehe genug Ergebnisse von gelernten Fotografen, die die Bezeichnung Foto nicht verdienen. Und in meinem Beruf sehe ich auch genug Leute, die es angeblich gelernt, oder gar studiert haben. Ein Garant für Qualität ist das nicht. Man sollte das also alles nicht so verbissen sehen. Können hat nichts mit Ausbildung zu tun.

      Antworten
    • ralfsiehtalles

      Dieses Problem hat man aber in vielen Berufszweigen.
      Im kaufmännischen Bereich ist es ja genau so. Da muss auch niemand nachweisen, dass er eine kaufmännische Lehre oder auch nur Grundwissen erworben hat.
      Ich denke es ist halt einfach wichtig sich das nötige Fachwissen anzueignen. Ob man das durch Schulungen, Bücher, Tutorials oder eben eine Ausbildung macht, ist im Grunde fast egal.
      Den Rest regelt halt die Qualität der abgelieferten Arbeit. Wenn die schlecht ist, hilft einem auch ein Meisterbrief nicht weiter.

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  6. Peterz

    Herrlicher Dialog mit dem Kollegen, spricht einem aus der Seele ;-D

    Ich vergleiche die Bedeutung der Kamera gerne mit einem Bildhauer und seinem Meißel. Mit einem hochwertigen Meißel ist es einfacher eine schöne Skulptur zu fertigen, wenn man es aber nicht kann, hilft der beste Meißel nicht. Andererseits kann aber auch ein guter Bildhauer mit einem Buttermesser keine schöne Marmorskulptur hauen. (Beispiel Sportfotos mit der Kompaktkamera).

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  7. Jurij Görzen

    Gelernt oder nicht gelernt ist ziemlich egal, das Wichtigste ist doch das Endprodukt! Oder liege ich da falsch? Es gibt genug gelernte Fotografen die ihr Handwerk trotzdem nicht verstehen. Genau so gibt es genügend Fotografen die es sich selbst beigebracht haben und es besser können als die ausgebildeten Fotografen (siehe z.B. Calvin Hollywood).

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  8. Andreas W.

    Das sollten sich viele gut merken, aber zum ‚Fazit‘ mal ganz ketzerisch 😉 gefragt:

    Und wenn ich merke, dass ich einfach kein Talent habe? Fotoausrüstung verkaufen oder weiter „schlechte“ Bilder machen?

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  9. Heiko Vogel

    Genau aus diesem Grund bin ich auch froh das Fotograf heute noch ein Lehrberuf ist!!! Ich fotografiere seit meinem 14. Lebensjahr. Als ich nach meiner Konfirmation mir von meinem Geld die erste Halbautomatik Canon T70 gekauft hatte und total stolz war. Da war fotografieren auch noch anspruchsvoll denn Auslöser gedrückt war gedrückt. Nichts mit löschen oder Nachbearbeitung. Für mich ist und bleibt es aber ein Hobby nur für mich. Ich nenne mich deswegen auch nicht Fotograf und habe auch kein Fotostudio aufgemacht denn das überlasse ich denen die es gelernt haben.

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  10. Klaus Dahle

    Ich mag den Vergleich mit den Töpfen auch. Er wird glaube i h sogar Helmut Newton zugeschrieben. Ansonsten könnte der Beitrag Wort für Wort von mir sein. Der Auto hat Alle auf den Punkt gebracht.

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  11. Wolfgang Thormählen

    Haha, ich mag den Vergleich mit den Kochtöpfen, vielleicht weil ich ein (fotografierender) Koch bin. Fotografie ist wie kochen ein Handwerk. Wenn ich sehe wieviel oder wie wenig Zeit ich für das Fotografieren aufbringe und ich das umschlage in den Kochberuf würde mir nie ein tolles Menü gelingen. Ja, ich habe eine tolle Spiegelreflexkamera und zumindest noch nie im Automatikmodus gearbeitet, und wenn es die Bandscheibe zulässt:-) gehe ich auch auf den Boden. Toller Artikel, hab dich aber auf FC schon lange abonniert. Grüße

    Antworten
  12. Andreas

    Danke für den tollen Beitrag. Das ist in anderen Dingen doch genauso. Ich fotografiere gerne und viel in den Bergen. Aber nur weil ich ein teueres Kletterseil und die Schuhe habe, die auch Alexander Huber trägt, werde ich nicht wie er klettern können. Sondern da gehört eine Menge mehr dazu.
    Stimme dir total zu.

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