In unserer Firma bin ich der Foto- und Videomann. Ich fotografiere beinahe täglich unsere wissenschaftlichen Geräte, Zubehör und Proben. Außerdem mache ich Videos zur Bedienung und Anwendung der Geräte, aber auch Produkt- und Messevideos. Daher bin ich in der Firma natürlich auch ein gefragter Ansprechpartner rund um das Thema Fotografie und Kameras – nicht zuletzt auch wegen dieser Seite. Ein kürzlich geführtes Gespräch ist aber fast symptomatisch wenn es um Kameras und Fotografie geht.

Viele meiner Kollegen und auch der erweiterte Verwandten- und Bekanntenkreis verlässt sich gerne auf meine Empfehlungen – oder nennen wir es eher „Denkanstöße“ wenn es um den Bereich Fotografie und Technikanschaffung geht. Dabei verfahre ich wie immer nach dem Motto: Nenne mir keine Lösung, sondern schildere mir dein Problem. Damit konnte ich schon einigen zu einer Lösung verhelfen, die sie selbst gar nicht in Betracht gezogen hätten und mit der sie dann aber sehr glücklich waren.

Wenn es um Fotoausrüstung und speziell um Kameras geht, zähle ich gerne diese drei Prioritäten auf:

1. Der Fotograf
2. Das Glas
3. Die Kamera

Bei vielen erzeugt das nur ein mildes Lächeln, denn den ersten Punkt können sie nicht einfach mit einer Bestellung bei Amazon erledigen. Erfahrung kannste nicht kaufen und Talent ebenso wenig. Also muss man doch mit Punkt zwei und vor allem Punkt drei den ersten Punkt kaschieren können? In der Praxis hört sich das dann so an:

Kollege: „Dann gib mir mal die Spiegelreflex mit. Aber alles auf „Auto“ stellen, gell!“

Ich: „Was hast du denn überhaupt damit vor?“

Er: „Ich will einen Polterabend fotografieren!“

Ich: „Aber du wirst damit keine besseren Bilder machen als mit deiner Kompaktkamera …“

Er: „Doch schon, oder? Warum ist sie denn dann so groß und teuer?“

Ich: „Denkanstoß: Kannst du Kochen?“

Er: „Nee, weißt du doch!“

Ich: „Aber du könntest es mit großen teuren Töpfen?“

Er: „So ein Quatsch! Was hat denn das mit dem Foto zu tun?“

Ich: „Überleg‘ mal in Ruhe – da kommst auch du drauf!“

Er: „Egal! Was hat denn die für’n Zoom? Bestimmt so 800 oder 1000 Millimeter?“

Ich: „Nee, eher so maximal 70 Millimeter. Andere Objektive hab ich hier in der Firma nicht weil ich sie nicht brauche.“

Er: „Nee, echt? Was will man denn damit?“

Ich: „Nimm sie halt mit. Akku ist voll. Karte ist leer. Viel Spaß!“

Ein anderer, älterer Kollege schilderte mir vollkommen unvoreingenommen was er denn fotografisch vor hätte und dass er sich vielleicht ab und zu auch mal mit einer manuellen Einstellung beschäftigen würde. Außerdem möchte er „etwas in der Hand haben“, aber Geschleppe vermeiden. Er ist nun mit einer Panasonic FZ1000 Bridge-Kamera glücklich, die auch noch genau in seinem Budget lag. Darauf spricht er mich mindestens einmal pro Woche bei der Kaffeemaschine an.

Für viele ist es schwer zu verstehen, dass gerade in der Fotografie die schnöde Elektronik den geringsten Einfluss auf das Ergebnis hat. Es wird vielleicht ein Foto herauskommen, das hinsichtlich technischer Parameter wie Bildrauschen „besser“ ist oder auch schärfer, weil der Autofokus genauer und schneller ist. Es wird aber nie ein schönes Bild werden. Eine große und wichtig aussehende Kamera um den Hals ist für viele oft ein Zeichen von Können. Seltsamerweise glaubt jedoch keiner, dass jemand mit einem großen teuren Auto automatisch auch ein guter Autofahrer ist. Der hat doch nur zu viel Geld …

Eine komplexe Kamera erfordert Zeit und Einarbeitung. Die Fotografie selbst erfordert noch viel mehr Zeit und Einarbeitung. Die Allermeisten sind aber nicht bereit diese Zeit aufzuwenden. Sie sind auch nicht bereit in die Hocke zu gehen oder sich auf den Boden zu legen wenn sie kleine Kinder fotografieren. Sie gehen keinen Schritt auf das Motiv zu oder davon weg, denn mit dem 500 mm Zoom ist das doch viel bequemer.

Nichts was man gut können will ist bequem. Nichts davon geht ohne Interesse, Zeitaufwand, Schweiß, Rückschläge und Enttäuschungen. Und nichts davon lässt sich durch Geld oder Technik kompensieren. Manchmal muss man sich aber auch eingestehen, dass man etwas einfach nicht kann oder kein Talent dazu hat. Solche starken Charaktere sind aber sehr selten zu finden.

85 Responses

  1. klaus

    Muss den versucht werden aus jedem Knipser einen Fotografen zu machen ? Wozu die Häme ? Sind wir doch froh das zu der halben Million halbwegs guter Fotografen nicht noch 10 Millio en Knipser dazukommen. Das wäre der totale Overkill !

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  2. HabeEinenNamen

    Schön geschrieben. Aber der Vergleich mit den Kochtöpfen ist dann wohl doch Helmut Newton geschuldet, oder? 😉 Mit Zitaten ist das, wie mit dem Copyright auf Bildern – den Urheber sollte man schon nennen.

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  3. Walter

    Sag was dazu!ich habe kein ‚Händchen‘ für Gesichter oder Personen hähähä
    Aber … es gibt kein Gerät auf der Welt, mit welchem man messen kann, wie egal mir das ist :))

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  4. Thomas Richter

    Im Endeffekt das selbe, was man heute in vielen Bereichen erlebt, daß Leute meinen das Equipment entscheide über die Qualität des Endprodukts. Statt Zeit zu investieren und sich mit der Materie zu beschäftigen, werden Unsummen an Geld verbraten. Natürlich wird eine fundierte Ausbildung i.d.R. ein Plus in jedem Fachbereich sein, mit Geduld, Interesse und Unterstützung z.B. durch entsprechende Workshops oder Kurse kann man aber auch sehr weit kommen…

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  5. Elisabeth Naefe

    Nun kommt doch alle mal ein bisschen runter und achtet einfach darauf, dass ihr mit euren eigenen Photos zufrieden seid. Das ist doch eigentlich das wichtigste, finde ich. ..

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  6. Uwe Leininger

    Ich bin selbst Koch und fotografiere. Und ich bin zu der Erkenntnis gekommen das wenn man sein Handwerk beherrscht kann man allem zu respektablen Ergebnissen kommen.
    Hintergrund dieser Tatsache ist das man meist das mangelhafte „Werkzeug“ durch sein Wissen und Können ausgleichen kann. Bzw. man versucht manches erst gar nicht.

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  7. Klaus Joas

    Ja, das stimmt im wesentlichen alles. Aber..

    1. Jeder soll es doch so machen wie er will/kann/Spaß macht, wer gerne eine Profi 'Ausrüstung kaufen möchte oder Ferrari fahren möchte, der soll es doch, wenns doch so viel Spaß macht.

    2. Es gibt natürlich einige Bereiche in denen ein "Profi" oder nennen wir es mal eine teure Ausrüstung notwendig/vorteilhaft ist:
    – sehr schnelle Aktion
    – Kugelpanoramen
    – Tilt Shift
    – Freistellung

    fallen mir da mal ein

    Aber zwischenzeitlich mache ich die meisten Fotos mit meiner Fuji XT-1 und nicht mit der Canon 5 D MK III.

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  8. Patrick Schröder

    "Nenne mir keine Lösung, sondern schildere mir dein Problem."
    Das ist einfach so wahr! Und so handhabe ich das auch immer.

    Leider achten auch viele Profis oder Semiprofessionelle da kaum drauf etwas passendes zu empfehlen, selbst wenn sie das Problem geschildert bekommen.
    Da muss es dann mal die Canon Vollformat DSLR sein, für eine 16 Jährige, die bisher mit dem Smartphone geknipst hat und sich jetzt mehr mit Fotografie beschäftigen will.

    Wobei mein Lieblingstip für Fotografie Anfänger, die sich "mehr damit beschäftigen Wollen" und bei denen oft noch nicht sicher ist ob sie auch dabei bleiben immer diese Mediamarkt/Saturn/Whatever angebote sind.
    Einstiegs DSLR mit 2 Objektiven für unter 500 Euro.
    Ja ist jetzt ualitativ nicht das beste. Aber man kann erstmal für wenig geld erfahrung Sammeln und schauen ob Fotografie wirklich das Ding ist. Später kann man sich noch das erste ordentliche Objektiv kaufen, wenn man dabei bleibt. Und wenn sie den Geist auf gibt hat man auch genug übung um das Teurere Equipment, das man sich dann kauft wirklich nutzen zu können.

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  9. Gernot Thelemann

    ja deswegen gibt es Fotos und Schnappschüsse. Ich habe meine DSLR wieder verkauft und meine Systemkamera behalten.OK die rauscht bei langen Belichtungen mehr aber ansonsten ist der Unterschied kaum sehbar. Auf der System habe ich ein tolles 135mm DDR Objektiv gehabt und ganz ehrlich, ich ärgere mich nach wie vor das ich es weggegeben habe. Die Lichtstärke und Bildschärfe, einfach nur Hammer. Es Stimmt schon, manche denken nur weil sie ne DSLR haben, sind sie die Profies, aber wie es schon so schön oben steht braucht es viel Zeit und Ausdauer und vor allem ein gutes Auge für gute Motive. Aber selbst wie Jurij schon schreibt es gibt gelernte die auch nur knipsen. Hier im Ort ist auch so eine. Manchmal wünsche ich mir meine alte EXA zurück 🙂

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