Ein kleiner Trick mit großer Wirkung

Der beste Hör-Trick – so hörst du wie ein Mikrofon

Warum klingt es auf der Aufnahme anders, als wir es vorher live gehört haben und wie kann man neutraler und mehr wie ein Mikrofon hören?

Hören ist eine sehr seltsame Sache. Die eigene Stimme hört man sehr ungern, weil sie ungewohnt klingt. Der Grund hierfür ist, dass wir unsere eigene Stimme nicht nur über das Außenohr wahrnehmen, wie die Menschen um uns herum, sondern auch über unser Mittelohr und vor allem über unsere Schädelknochen. Dieser Knochenschall lässt unsere eigene Stimme für uns selbst vollkommen anders klingen und wir selbst empfinden sie meist sehr viel tiefer, als sie eigentlich ist.

Unser Gehirn haut uns aber ständig übers Ohr. Das was wir meinen zu hören, ist eine Version des Klangereignisses, das unser Hirn ständig für uns optimiert. So kann es hervorragend Nachhall in Räumen ausblenden, der auf Aufnahmen deutlich zu hören ist. Auch das Klangempfinden wird von unserem Gehirn ständig manipuliert, damit wir einen möglichst klaren Eindruck der Schallereignisse haben, die für uns wichtig sind. Sobald wir einen Raum betreten, beginnt unser Gehirn damit, die akustischen Eigenschaften des Raums zu analysieren, um uns den bestmöglichen Höreindruck mit der größten Klarheit und einfachsten Verarbeitung für uns zu verschaffen.

Hören wie ein Mikrofon

Diese Anpassungsfähigkeit kann man besonders dann feststellen, wenn man etwa die Höhen bei der Musikwiedergabe stark absenkt und einige Zeit zuhört. Schon nach wenigen Minuten wird uns der Klang gar nicht mehr so negativ und dumpf erscheinen, weil unser Gehirn dafür gesorgt hat, dass es wieder ausgeglichen klingt. Gibt man dann die gleiche Musik anschließend in neutraler Einstellung wieder, erscheint uns das aber extrem harsch und höhenreich – bis unser Gehirn es wieder angepasst hat. Ebenso kann es extrem laute Klangereignisse verarbeiten wie extrem leise. Dabei schafft es der Equalizer in unserem Gehirn, dass der Frequenzbereich zwischen 1 und 3 Kilohertz bei leisen Ereignissen angehoben wird, denn das ist der Bereich, in dem die Sprache hauptsächlich wahrgenommen wird.

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Die Fletcher-Munson-Kurve zeigt, dass wir bei niedrigen Lautstärken Bässe und Höhen weniger stark wahrnehmen, als bei hohen Lautstärken. Bei der Musikproduktion ist man daher geneigt, bei leisen Abhörlautstärken mehr Bässe und Höhen hineinzudrehen, als bei lauter Abhörlautstärke. Unser Gehör kann auch ermüden. Dieses Problem haben Musiker und Tontechniker häufig bei langen Sessions am Mischpult und bei der Audiobearbeitung.

Psychoakustik und Erwartungshaltung

Unser Gehör ist alles andere als neutral und jede Menge psychoakustischer Effekte aber auch einfache psychologische Dinge sorgen dafür, dass wir uns Manches nur einbilden zu hören. Ein schöner Gag bei der Musikproduktion oder bei der Live-Beschallung als Mann am Mischpult ist es, nur so zu tun, als ob man was am Klang ändern würde, wenn es der Sänger fordert. Oft kommt ein „viiiiel besser!“, ohne dass man irgendetwas verändert hat. Die Erwartung einer Änderung führt gerade im Akustik-Bereich dazu, dass man auch eine Veränderung wahrnimmt. In der Psychologie ist das als „Bestätigungsfehler“ bekannt.

Bei den Hifi-Esotherikern und den selbsternannten „Audiophilen“ kommt dieser Bestätigungsfehler überproportional zum Vorschein und führt dazu, dass Leute Netzkabel für 1.000 Euro kaufen oder kleine Abstandhalter aus Keramik unter die sündhaft teuren Lautsprecherkabel stellen, um diese vom Boden zu „entkoppeln“. Natürlich erzeugt das eine deutliche Klangverbesserung, denn wer will schon zugeben, dass er tausende von Euro in reine Scharlatanerie versenkt hat, die genauso wirksam ist wie Homöopathie. Auch hier gilt: Alleine die Erwartung an eine Veränderung, erzeugt die Veränderung. Gestützt wird das auch noch vom Backfire-Effekt, der dafür sorgt, dass auch die besten Fakten gegen die eigene (falschen) Überzeugung dazu führen, dass wir noch mehr an ihnen festhalten. Sich einzugestehen, dass man einer Selbsttäuschung aufgesessen ist, mag man eben nicht.

Messmikrofon

Besonders amüsant ist es, wenn man manch teure HiFi-Anlage mit Kabeln für 500 Euro pro Meter auf Fotos sieht, die in einem akustisch völlig unbehandelten Raum steht. Hier hat man schon bei Abweichungen der Hörposition um wenige Zentimeter einen anderen Höreindruck. Diese Effekte konnte ich bei der Einrichtung und akustischen Optimierung meines Heimstudios sehr eindrucksvoll nachvollziehen.

Natürlich führt auch ein großer Name dazu, dass man ein Produkt als besser wahrnimmt, als es eigentlich ist. Bei Preamps ist das oft der Fall. Die Equalizerkurven oder die Gestaltung der Benutzeroberfläche bei Plug-ins sorgen dafür, dass wir mit den Augen statt den Ohren hören. Auch genügt schon ein halbes Dezibel mehr Lautstärke, dass es vermeintlich besser klingt – denn lauter ist besser. Das macht objektive Vergleichstests im Audiobereich so schwer. In gut gemachten Doppelblind-Vergleichen, konnten Audio-Experten das teure Lautsprecherkabel nicht von Kleiderbügeldraht unterscheiden …

Aber auch Weinkenner lassen sich von großen Namen und hohen Preise in die Irre führen, selbst wenn sie nur den Wein aus dem Tetrapak für 1,59 € pro Liter kredenzt bekommen haben. Sind dabei noch die Augen verbunden, können viele Weinkenner noch nicht einmal mehr einen Rotwein von einem Weißwein unterscheiden. Kein Wunder, dass sich Testberichte in HiFi-Magazinen oft der gleichen affigen und verschwurbelten Ausdrucksweise bedienen wie die Weinexperten. Da hat man eine „fein gestaffelte Stereobühne, mit einer unerhörten Spritzigkeit“.

„Ich schmecke bei diesem Wein Noten von Pfefferminze!“ – „Dann nehm doch vor dem Probieren erst den Kaugummi raus!“.

Im englischen Sprachgebrauch nennt man diese Über-Experten und Flohhustenanalysten deshalb auch gerne etwas abfällig „Corksniffer„. Erfahren diese Experten dann, dass sie beim Wein oder dem Lautsprecherkabel daneben gelegen waren, scheuen sie häufig nicht, ihre Meinung nachträglich zu revidieren und nach Ausflüchten zu suchen, warum sie so daneben lagen. Erfolge schreibt man eben gerne dem eigenen Können zu, während für Misserfolge oft äußere Umstände verantwortlich gemacht werden …

Steck dir einen Finger ins Ohr!

Was ist also der Trick mit dem neutral(eren) Hören? Ganz einfach: Steck dir einen Finger ins Ohr! Die unglaublichen Fähigkeiten unseres Gehirns Schallinformationen zu korrigieren funktioniert nur dann, wenn wir mit beiden Ohren hören.

Ein Finger im Ohr

Sobald aber nur noch ein Ohr im Spiel ist, hören wir plötzlich anders und neutraler, da das Gehirn die Informationen beider Ohren benötigt, um korrigierend eingreifen zu können. Hall und Raumanteile werden auf einmal deutlich stärker hörbar, als mit zwei Ohren. Geht man näher an die Klangquelle heran, nehmen wir mit einem Ohr mehr direkten Schall von der Klangquelle wahr und weniger Raumanteile.

Wenn man etwa einen Gitarrenverstärker abnehmen möchte, hilft es, nur mit einem Ohr hinzuhören. Oft kann man damit sehr viel schneller die optimale Einstellung treffen und Probleme erkennen, als mit zwei Ohren. Natürlich kann man auch einen Gehörschutzstöpsel nutzen, damit man beide Hände frei hat, und der Finger im Ohr erzeugt im Gegensatz zum Stöpsel auch ein Rumpeln und Rauschen.

Dieser Trick umgeht zum Großteil die Kompensierung durch unser Gehirn. Ein einfacher Trick, der sehr hilfreich sein kann.

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