Das fast unüberschaubare Angebot an Plugins und Effekten für die DAW der Wahl, schärft bei mir den Blick – oder besser das Ohr – für die wirklich erwachsenen Werkzeuge. Eines davon ist der Channelstrip Alloy von Izotope.

Dieser Beitrag wurde 2011 veröffentlicht.
Seitdem hat sich viel getan und manche Informationen und Links sind vielleicht nicht mehr aktuell!

Die meisten Computermusiker kennen wohl die Masteringsuite Ozone von Izotope – ein Komplettpaket für das Mastering im PC, welche soeben übrigens in der Version Ozone 5 erschienen ist.

Alloy ist hingegen ein Channelstrip, der Soundveredler und Problemlöser in jedem Kanal sein kann, aber einige Funktionen und Bedienkonzepte von Ozone geerbt hat. Alloy bietet 6 Module unter einer Haube. Ein Equalizer, Exciter, Kompressoren, Deesser, Transientshaper und ein Limiter bieten alle Funktionen, die man für die Klangbearbeitung benötigt. Dabei lässt sich die Reihenfolge der Effekte durch Drag and Drop an bestimmten Stellen in der Signalkette verändern und anpassen.

Izotope Alloy Equalizer

Auch 2011 ist es noch nicht selbstverständlich, dass Plugins auch in einer 64bit Version angeboten werden. Den Alloy gibt es in 32 und 64bit für PC und Mac in den Formaten Protools RTAS und AudioSuite, AU, DirectX und als MAS Plugin für den Motu Digital Performer.

Dynamisch geht’s zu

Der Equalizer hat 8 vollparametrische Bänder mit Hoch- und Tiefpass, Glockencharakteristik sowie High- und Lowshelf. Der Hoch- und Tiefpass kann dabei bis zu 48 dB Flankensteilheit haben. Der Equalizer orientiert sich dabei an analogen Vorbildern, was für Tracking und Mixing auch durchaus wünschenswert ist.

Der Equalizer arbeitet sehr detailliert, lässt sich sehr angenehm per Maus und Mausrad bedienen und klingt auch im Höhenbereich sehr fein und unaufdringlich.

Der Limiter ist nicht sehr aufwändig parametrisiert, leistet aber gerade bei stark perkussiven Signalen gute Dienste und kann einen sehr dynamisch gespielten Bass gut in die Schranken weisen.

Multibandkompressor

Die Dynamiksektion ist gleich doppelt ausgeführt und kann entweder als normaler Kompressor, aber auch als Multibandkompressor mit drei Bändern ihren Dienst verrichten. Die Module können parallel oder seriell verschaltet werden. Im Parallelmodus sind die Übergangsfrequenzen der Multibandkompressoren beider Sektionen verbunden, um Phasenprobleme etc. zu vermeiden. Die reinen Kompressoreinstellungen können dann natürlich für jeden Kompressor individuell eingestellt werden. Sind die Sektionen in Serie, lassen sich alle Bänder unabhängig einstellen.

Der Digitalmodus der Kompressoren geht sehr analytisch zu Sache, während der Vintage-Modus den Klang deutlich färben kann. Eine Soft- und Hardknee sowie RMS-Option erweitert die Möglichkeiten der Kompressoren enorm. Überhaupt kann man mit den Dynamics des Alloy die typischen Merkmale bekannter Kompressoren realisieren. Dabei helfen pfeilschnelle Attackzeiten von 10 us und Releasewerte von 1 ms bis 5 Sekunden.

Natürlich ist der Kompressor auch Sidechaining-fähig. Komplettiert wird die Dynamikabteilung mit einem Expander/Noisegate.

Transienten und Fffffssss

Der Transienten Shaper kann den Attack einer Snare, einer Kickdrum aber auch die Anschlagsgeräusche einer Akustikgitarre betonen oder verringern. Beim Anheben klappt das auch sehr gut. Die Verlängerung des Sustains, also der Ausklingzeit, ist nicht unbedingt die Stärke des Alloy Transient Shapers. Allerdings ist der Multibandmodus ziemlich einzigartig und lässt sehr differenzierte Bearbeitungen zu.

Signalfluss des Alloy

Sehr überzeugen kann der Deesser des Channelstrips. Schon im Singleband-Modus lässt sich dieser sehr gut einsetzen. Richtig gut wird es aber, wenn man ihn im Multibandmodus einstellt. Damit kann man wirklich gezielt die Zischlaute unterdrücken, ohne dass dabei andere Frequenzen in Mitleidenschaft gezogen werden. Aber nicht nur für die Stimmbearbeitung eignet sich der Deesser des Alloy. Auch zu prägnante Becken lassen sich damit zähmen.

Glanz- und Knurrmeister – der Exciter

Mein absoluter Liebling unter den Modulen des Alloy ist aber der Exciter, wobei die Bezeichnung manchen vielleicht etwas abschrecken könnte. Der berühmteste Vertreter seiner Art ist wohl der Aphex Aural Exciter, welcher in den Siebzigern und Achzigern in vielen Produktionen eingesetzt wurde, vornehmlich um wieder mehr Glanz in die Aufnahme zu bekommen. Mit der digitalen Aufnahmetechnik mangelt es selten an Höhenreichtum, wohl ist aber eine gewisse »analoge Wärme« gefordert – auch wenn ich noch immer nicht so genau weiß, was man damit sagen will.

Exciter im Multiband Modus

Würde man den Exciter des Alloy eher »Saturator« oder »Tapesimulator« nenne, wären viele sicher hellhöriger. Der Exciter ist eine der besten und flexibelsten Sättigungsstufen und Verzerrer, die ich jemals auf digitaler Ebene gehört habe. Das Ding macht einen so schönen Schimmer in zu matt geratene Akustikgitarren und knurrt wie der Teufel bei zu braven E-Bässen. Die Geschmacksrichtungen gehen vom knurrigen Tube über subtile Tapesättigung und harschem Transistorzerren bis hin zum typischen Exciter Effekt.

Izotope Alloy Sample File: Kickdrum by nachbelichtet

Izotope Alloy Sound Sample: Drum room by nachbelichtet

Ohne Fleiß kein Preis

Während andere Plugins sämtliche Regler und Einstellmöglichkeiten an der Oberfläche unterbringen, ist das wegen der schieren Masse an Funktionen einfach nicht möglich. Dafür wird man auch mit so durchdachten Möglichkeiten wie der Alt-Klick Funktion im Equalizer belohnt, mit deren Hilfe man nach Störfrequenzen durchsweepen kann, ohne dabei eines der acht Filterbänder verändern zu müssen. Oder aber die interne History des Alloy, mit der man zu jedem Bearbeitungsschritt zurückspringen kann und bis zu 4 Einstellungen zum Vergleich speichern kann.

Konfigurationsmöglichkeiten unter der Haube

Der Analyzer des Alloy kann von Realtime über 1, 3, 5 und 10 Sekunden Integrationszeit bis zu »Infinite« eingestellt werden. Damit lässt sich dann tatsächlich das Frequenzbild einer Quelle beurteilen und entsprechend bearbeiten.

Mit den Makros können häufig benötigte Regler zusammengelegt werden, wobei man auch mehrere Parameter zu einem Regler verbinden kann. So könnte man z. B. einen »Growl« Regler konfigurieren, der zugleich den Anteil der Tapesättigung des Exciters als auch den Gain eines Mittenbandes im Equalizer anhebt. Mittels Makros kann man praktisch fast ein eigenes Plugin basteln, das über eine übersichtliche Anzahl an Parametern im Vordergrund sehr komplexe Aufgaben im Hintergrund steuern kann. Ein Beispiel:

Man legt sich einen RMS Kompressor, den Transient Shaper und den Exciter an. Im Makro erstellt man einen Regler „Drive“, der zum einen den Threshold senkt, je weiter man ihn aufdreht. Gleichzeitig regelt er aber den Attack des Transientshaper nach unten und den Drive des Exciters nach oben. Der Effekt: Je weiter man den neuen „Gain“ Regel aufdreht, desto mehr wird das Signal komprimiert. Zur gleichen Zeit werden aber die Transienten etwas weicher und mit dem Exciter immer mehr Obertöne hinzugefügt.

So hat man sich in Alloy einen charaktervollen Kompressor selbst gebaut, der sich auf Wunsch genau so verhält, wie man das möchte.

Eigene Macros mit Alloy

Zusammen mit dem mächtigen Presetmanager ergibt sich ein unglaubliches Potential, das über jeden mir bekannten Channelstrip hinausgeht. Apropos Presets: Hier hat man sich bei Izotope wirklich Mühe gegeben. Die über 150 Presets geben einen umfassenden Überblick über die Möglichkeiten und Fähigkeiten dieses Plugins.

Der Ressourcenverbrauch ist auf einem aktuellen Rechner kein Thema und 10 Instanzen mit jeweils mind. 4 aktivierten Modulen brachten es auf meinem PC unter Reaper auf nicht einmal 5% Last. Die Power von Alloy braucht man auch nicht in jeder Spur. In Tracks, bei denen es darauf ankommt, ist Alloy aber tatsächlich ein Schweizer Taschenmesser.

Das gefällt mir gut

  • 8-Band Equalizer mit gutem Klang
  • Single- und Multiband Kompressoren
  • Dynamiksektion doppelt ausgelegt
  • Flexibles Signalrouting
  • Tolle Sättigungsstufe / Exciter
  • Makro-System birgt unglaubliches Potential
  • Für PC, Mac und als natives Digital Performer MAS Plugin
  • Interne History

Das gefällt mir nicht so

  • Transient Shaper bei der Sustainverlängerung nicht ganz optimal
  • Steile Lernkurve, wenn man alle Möglichkeiten nutzen möchte

Fazit

Alloy ist ein komplexes Plugin und fordert den Anwender mehr als andere Plugins, will man die Möglichkeiten ausreizen, die Izotope vorgesehen hat. Klanglich – und darum geht es ja letztendlich – ist Alloy über jeden Zweifel erhaben. Der Equalizer lässt präzise Eingriffe zu, klingt aber gleichzeitig sehr gutmütig. Die Kompressoren sind extrem flexibel ausgelegt und können sowohl transparent, als auch kernig. Der Exciter ist ein genialer Soundmacher. Da scheinen Limiter, Deesser und Transient Shaper schon fast als luxuriöse Dreingaben und sind dabei ebenso durchdacht.

Die Power von Alloy braucht man auch nicht in jeder Spur. In Tracks, bei denen es darauf ankommt, ist Alloy aber tatsächlich ein Schweizer Taschenmesser.

Wer auf Vintage-aussehende Plugins verzichten kann, bekommt mit Izotopes Alloy eine Komplettlösung, die angesichts der gebotenen Qualität schon als Schnäppchen zu bezeichnen ist. Ausprobieren!

Eine voll funktionsfähige 10-Tage Testversion kann man auf der Izotope Website herunterladen. Den Izotope Alloy gibt es für 229,00€.

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2 Responses

  1. Michael K.

    Hast wohl deinen „Channeltrip“ hehehe. Nee der sieht schon gut aus und preislich ist das teil auch nocht im Rahmen

    Antworten
  2. Samuel

    Alloy ist schon länger der Standard in meinem Pluginfolder. Allerdings muss ich zugeben, dass ich mich bisher noch nicht weiter mit den Macros beschäftigt habe, weil ich auch nicht so genau verstanden habe, wozu sie gut sein sollen.

    Das werde ich wohl mal nachholen. Danke für den ausführlichen Beitrag!

    Antworten

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