Von der Kunst, nicht zu fotografieren

„Wir sammeln, als wäre jede Erinnerung gleichbedeutend.“ – dieser Satz trifft in zunehmenden Maße auf die digitale Fotografie zu. Die schiere Menge an Bildern lässt den Wert der selbigen gegen Null gegen. Dabei gehört das Vergessen und die Verklärung auch zu einem guten Foto.

Ich habe mir zu diesem Thema ein paar Gedanken gemacht und mich dabei erwischt, wie ich unbewusst weniger fotografiere, diese Bilder aber einen ungleich höheren Wert für mich haben.

Gestern habe ich in der Sendung Bauerfeind einen Beitrag gesehen, in dem es um die Digitale Demenz ging. Diese Wortschöpfung habe ich schon einmal im Dezember 2005 hier im Blog gebraucht, hier ging es um die Vergänglichkeit unserer digitalen Medien und Fotos.

Im Beitrag von Katrin Bauerfeind ging es darum, dass wir dank Facebook, Twitter, YouTube etc. nichts mehr vergessen. Eine Erinnerung verblasst nicht mehr, sondern kann jederzeit wieder abgerufen und nachgewiesen werden.

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Wir sammeln, als wäre jede Erinnerung gleichbedeutend

Das war eine der Kernaussagen des interessanten Fernsehbeitrags, den Du übrigens HIER nochmal ansehen kannst. Es ist aber nicht gut, nichts mehr vergessen zu können, denn auch das Verblassen von Erinnerungen gehört zu unserem Leben. Dies ist auch ein Trend, der seit Jahren in der Fotografie zu beobachten ist.

Dank günstiger Kameras und riesiger Speicherkapazitäten ist es für jeden möglich, ein Ereignis – oder das was man dafür hält – in Unmengen an digitalen Fotografien festzuhalten. EXIF-Daten erinnern uns sogar an die Sekunde in der das Foto entstanden ist und Geotagging sagt uns ganz genau, wo es fotografiert wurde.

Hatte man früher zwei drei Fotos von Omas Geburtstag, wird die gute Damen heute von allen Seiten dokumentiert. Wir wissen, wie viele Kirschen auf der Torte waren, weil wir diese aus fünf Blickwinkeln mit unterschiedlichen Schärfetiefen fotografiert haben – es gibt ja einen Ruf zu verteidigen.

Alle Fotos sind gleich wenig wert

Diese inflationäre Nutzung der Fotografie führt aber auch dazu, dass die Fotos beliebig werden. Wir wissen, dass wir immer alles dokumentiert haben und müssen uns daher nicht mehr selbst daran erinnern. Alle Fotos sind gleich wenig wert. Fotokataloge mit 6-stelligen Mengen an Fotos vegetieren auf unseren Festplatten.

Wir können wöchentlich die Veränderungen in unserem Leben nachweisen – auch viele Jahre später, sofern unsere Datensicherung lückenlos geklappt hat.

Vergessen ist schön

Wenn ich mich an einige Abschnitte meines Lebens erinnere, sind es gerade die, von denen es nur sehr wenige Bilder gibt, die mir besonders schön erscheinen. Gerade weil sich die Dinge im Laufe der Jahre verklären, sind sie so wertvoll. Könnte ich diese Zeit mit der heutigen Bilderflut nochmal genau nachvollziehen, wäre sie wohl sehr viel weniger interessant. So erinnere ich mich aber immer wieder gerne, auch wenn manches damals vielleicht ganz anders war und in 20 Jahren wird es noch anders sein.

Öfter mal nicht fotografieren

Ich habe festgestellt, dass ich – wohl eher unbewusst – weniger Fotos mache als früher. Ich springe nicht mehr bei jeder Veranstaltung, Feier oder sonstigem Ereignis mit der Kamera herum und fotografiere jedes Detail lückenlos. Vielmehr mache ich einige wenige Fotos von denen ich aber schon jetzt feststelle, dass mir diese viel mehr geben, als die Bildertsunamis vergangener Jahre. Diese Einstellung hat auch einen interessanten Nebeneffekt: Ich bin auch mal wieder – zusammen mit meiner Freundin, Freunden oder der Familie auf Fotos anderer zu sehen und das ohne eine Kamera vor dem eigenen Gesicht.

Ich muss aber auch gestehen, dass es eine ziemliche Herausforderung ist, nicht zu fotografieren und sich vom Zwang zu befreien, es könnte ein Motiv durch die Lappen gehen. Nicht mehr auf alles draufhalten, sondern sich einige wenige Motive herauszupicken, aber auch einfach mal gar nichts fotografieren befreit und lässt Spielraum für Erinnerungen, aber auch fürs Vergessen. Probierts mal aus!

Noch ein Wort zu dem Fotoalbum im Bild: Dies habe ich bei Flickr entdeckt. Jan Paul Arends hat es bei Ebay gekauft und würde gerne wissen ob jemand weiß, wer die Leute im Album sind. Vielleicht können wir zusammen dabei helfen?

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7 Kommentare zu “Von der Kunst, nicht zu fotografieren

  1. Hallo,
    also ich bin seit einer Weile, gerade auch wegen dieser digitalen Demenz, Fan der analogen Photographie geworden. Es gibt nichts besseres als sich so richtig Zeit zu nehmen und sich die Motive gut auszusuchen. Es macht mir nicht nur mehr Spaß, sondern die Bilder gewinnen für mich einen viel höheren Wert, gerade weil man auch ein wenig glück haben muss, da man ja nicht soo viele Versuche hat, wie mit einer digitalen Kamera. Außerdem ist es jedesmal total spannend, wenn man die entwickelten Bilder abholt 🙂
    Echt guter Artikel, der hoffentlich ein paar Leute dazu anregen wird, es mal langsamer anzugehen.

  2. …vielen Dank für den Artikel, Du sprichst mir aus der Seele. Genau das ist es, was ich seit langer Zeit denke. Wenn man nicht beruflich als Fotograf arbeitet und pro Tag im Schnitt 300 oder mehr Fotos macht (gibt es zur Genüge), dann stellt sich mir die Frage nach dem Wert eines einzelnen Fotos. Der wird immer geringer, man blättert nur noch mal kurz dran vorbei, man lässt die Fotos nicht merh auf sich wirken, man verliert den Bezug zur Fotografie. Die analoge Fotografie kann hier weiterhelfen. Auch wenn die Kosten dafür sehr überschaubar sind, ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich „entschleunigt“ fotografiere, bewusster und gewählter (mal von meinen Lomos abgesehen;-)). Das macht unwahrscheinlich viel Spaß und ich fotografiere nicht um des Fotografierens Willen, sondern wegen des Ergebnisses. Nochmal: Toller Artikel. Vielen Dank!

  3. Klasse geschrieben, enthält doch tatsächlich viele digitale Wahrheiten, besonders das ‚Öfter mal nicht fotografieren‘ sollte man öfter mal beherzigen;-)

  4. Wenn ich mir den Anfang des Artikels durchlese, kommen unweigerlich Bilder meines 3.ten Griechenlandurlaubes in den Kopf… damals hatte ich mit meiner Ixus auch einen Haufen Bilder geschossen, die wegen eines Hardwaredefektes alle vernichtet wurden…
    2010 waren wir wieder in diesem Hotel, mit einer D5000 – und der Urlaub war nicht halb so schön wie die Erinnerung an den damaligen Urlaub… und diesmal schoss ich knapp 5000 Bilder, 10 mal mehr als damals…

    Ich werde mir die schönsten raussuchen, und den Rest vernichten… ein Fotobuch existiert auch schon, und selbst diese Bilder sollten mich in 20 Jahren wieder an einen schönen Urlaub erinnern…

    Irgendwie hat der Autor Recht – durch die Datenflut und die vorhandene Datensicherheit merken wir uns kaum noch etwas, man kann es ja nachschlagen… Auch meine Telefonnummern hab ich nicht mehr im Kopf – ist alles relativ geworden… Alles wurde zu einer Nebensache, die Hauptsache verschwand….

    Gruß Björn

  5. Warten wir erst mal ab, wenn unvorhergesehener Datenverlust die gesamten Archive zersetzt und nichts, aber auch gar nichts zurückbleibt. Festplatten und DVDs sind längst nicht so haltbar wie Zelluloid.
    Aber zurück bleibt vielleicht doch eine vage Erinnerung: Genauso wie man sich etwas besser merken kann, wenn man’s aufschreibt.

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