Mal ehrlich: Wie sehr interessieren euch noch neue Kameramodelle? Anders als noch vor 10 Jahren, wo man auf die neue Nikon, Canon XY fieberte, ist für mich das Erscheinen einer neuen Kamera relativ uninteressant. Vorbei sind die Zeiten, in denen neue DSLR-Kameras Quantensprünge in Auflösung, Bildqualität und Ausstattung machten. Ein paar Pixel da, ein paar Frames pro Sekunde dort machen für mich keinen Unterschied mehr. Nikon machte es selbst einem bekennenden Nikon Fan wir mir nicht immer leicht Begeisterung zu verspüren. Offenbar will man mit der angekündigten D850 das Ruder herumreißen.

Die Verkäufe bei DSLR-Kameras führen bei den etablierten Kameraherstellern nicht gerade zu Begeisterungsstürmen. Gewinner ist ganz klar Sony, weil man sich hier etwas traute und den Markt verstand. Eine DSLR ist heute nicht mehr einfach eine Fotokamera. Durch YouTube & Co. wird sie (häufig ausschließlich) auch zum Filmwerkzeug. Obwohl Nikon dabei mit der D90 als Pionier glänzte und das Thema DSLR-Video erst in das Bewusstsein der Anwender brachte, hat man es in der Folgezeit sträflich vernachlässigt (cleaner HDMI-Ausgang, Focus Peaking anyone?) und damit diesen Markt an Sony überlassen. Aber auch reine Fotofunktionen wurden nicht wirklich ausgebaut.

Für mein Gefühl hat man sich kein bisschen dafür interessiert was die Masse der Anwender möchte. Ein paar Markenbotschafter werden wohl etwas Input geliefert haben, aber ansonsten hat man eben einfach neue Modelle auf den Markt geworfen. Gefühlt zu jeder Jahreszeit ein neues D5XXX Modell, was lustigerweise oft mehr von den wirklich interessanten Funktionen hatte, als die Semi-Pro und Pro-Modelle. Ein bewegliches Display zum Beispiel. Das letzte (für mich) wirklich interessante Kameramodell war die D750. Das ist nach wie vor meine Hauptkamera und ich sehe aus fotografischer Sicht keinerlei Anlass, in nächster Zeit auf ein anderes Modell zu wechseln. Wenn es um Videofunktionen geht, wäre das schon eher ein Grund.

D750 – die für mich letzte wirklich interessante Nikon

Auch bin ich noch immer von den Vorzügen eines Spiegels überzeugt. Nicht nur, dass eine Spiegelreflexkamera eine dramatisch längere Akkulaufzeit und kürzere Einschaltzeit hat. Auch im Studio kann ich mich an das Sucherdisplay einer Spiegellosen nicht wirklich gewöhnen.

Nun scheint man aber bei Nikon erkannt zu haben, dass es da draußen Leute mit einer bestimmten Erwartung an eine neue Kamera gibt und irgendjemand hat Nikon nur erzählt, dass man dringend dieses „Content-Marketing“ machen müsse. So veröffentlicht man ein Video, das mit der neuen D850 gedreht wurde. Ganz anders als beim bisherigen Feature-Fucking geht es aber nicht um Megapixel und Aufnahmegeschwindigkeit. Man erfährt erst einmal gar nichts über technische Daten und zukünftige Ausstattung einer Kamera, die wohl noch nicht einmal fertiggestellt ist. Es gibt auch keine offiziellen Fotos vom Gerät, denn es befände sich noch in der Entwicklung. Dafür gibt es ein emotional aufgeladenes Video mit dem Hinweis, dass man bei der Entwicklung der D850 auf die Wünsche und Anforderungen der Kunden gehört hätte.

In ihre Entwicklung sind Rückmeldungen und Anregungen eingeflossen, die wir im Lauf der Jahre von Anwendern erhalten haben, für die nur die besten Kameras in Frage kommen.

Wäre ja nicht die schlechteste Strategie. Man will sogar die Erwartungen übertreffen. Prima! „Im Lauf der Jahre“ ist aber in der heutigen Zeit zu lange und man sollte lernen, schnell auf aktuelle Entwicklungen zu reagieren.

Schön, wenn es so wäre …

Bis heute hat keiner der Kamerahersteller eine wirklich vernünftige und schnelle Anbindung ans Smartphone hinbekommen. Nikons Snap Bridge ist schlichtweg ein Trauerspiel und erzeugt bei mir regelmäßig „Aufputzschlagadern“. Andere können es aber ebenso wenig. Anfang 2012 wurde ich von Casio Mitarbeitern gefragt, was ich für das wichtigste Feature für einer zukünftigen Kompaktkamera halten würde. Meine Aussage war: Konnektivität. Die Leute wollen geschossene Fotos sofort teilen und nur mit einer besseren Bildqualität, Blitz und Zoom wird man sich gegen Smartphones behaupten können. Casio hat sein Kamerageschäft in Europa zwischenzeitlich eingestampft.

Was man bis jetzt weiß ist, dass sie ein bewegliches Display haben wird. Und 8k Timelapse kann sie aufzeichnen. Nunja – das ist zwar nett, aber nur eine Nischenfunktion. Wenn sie 8k Videoauflösung hätte wäre das sicher ein starkes Argument. Mit 4k würde man hingegen niemanden hinterm Ofen vorholen. Das ist mittlerweile Standard und das können einige Kameras richtig gut – auch eine Preisklasse darunter. Ob diese Strategie nun aufgehen wird? Ob andere Kameramodelle zukünftig auch auf den Kundenwunsch hören? Ich bin gespannt! Aber zumindest tut sich bei Nikon wieder einmal etwas – nach 100 Jahren ist das auch dringend nötig.

 

4 Responses

  1. Bernardo A.

    Ich bin seit einiger Zeit in einer Sackgasse angekommen. Hatte mich vor 4 Jahren für die hochinovative NX Kamerserie von Samsung entschieden . Die NX1 war seinerzeit so weit voraus das ich bis heute sehr zufrieden bin und auch nicht wirklich daran denke umzusteigen. Bin sogar Samsung recht dankbar, denn jetzt kann ich das gesparte für Reisen nutzen. Hoffe meine NX-Kameras haben noch ein langes Leben.

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  2. tzoumaz

    Im Prinzip spiegelt Dein Beitrag auch meine Meinung. Was die Kamerahersteller angeht, werden Nikon und Canon Schwierigkeiten bekommen. Ich bin wie Du allerdings nicht von den Vorteilen des klassischen Spiegels überzeugt. Wieso, zeigt auch Sony mit dem teildurchlässigen Spiegel bzw. den Systemkameras. Mechanik kostet Zeit und ist anfällig. Aus heutiger Sicht würde ich mir immer eine Systemkamera kaufen, einfach weil sie handlicher ist. Andererseits schmeißt man altes teures A-Mount Glas auch nicht einfach in die Tonne sondern wechselt dann wie in meinem Fall lieber zu einer A77 II. Jedenfalls solange es A-Mount überhaupt noch gibt.

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  3. Hugo Kaufmann

    Herzlichen Dank für den interessanten Beitrag. Als NIKON D810 Besitzer bin ich auch auf die neue Kamera D850/820 gespannt. Leider sind die Abschreibungen für eine 3 Jahre alte D810 enorm. Dazu habe ich fünf Objektive, die meistens auch an kein anderes Kamerasystem passen. Also ist man in der „Zwickmühle“. Was würden Sie in einem solchen Moment empfehlen?? Auf SONY umsteigen, oder bei NIKON bleiben. Warten wir mal ab, was NIKON bringt??

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    • nachbelichtet

      Vorhandene Objektive (und vielleicht auch Systemblitze) sind wohl der Grund überhaupt, der viele von einem Systemwechsel abhält. Zwar sind gute Linsen sehr wertstabil und lassen sich mit rel. wenig Verlust verkaufen, aber man muss natürlich alles neu anschaffen und das kostet extra. Wenn ich vor der Wahl stünde, wäre ich wohl auch bei Sony. Alleine die Adaptierbarkeit praktisch aller Objektive und Anschlüsse (wenngleich auch ohne Automatik und Autofokus) ist schon ein Argument. Und dann ist da noch der eingebaute Stabilisator, der mit allen Linsen funktioniert.

      Es kommt aber auch darauf an, was man hauptsächlich fotografiert und welche Objektive man benötigt.

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