Ich werde weich! Als ich Anfang des Jahres gelesen habe, dass Casio nach fast 25 Jahren wieder einen Synthesizer heraus bringt, wurden Erinnerungen wach.

Mach mit: Teile diesen Beitrag!
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  

Dieser Beitrag wurde 2012 veröffentlicht.
Seitdem hat sich viel getan und manche Informationen und Links sind vielleicht nicht mehr aktuell!

Es war 1986, Ich war zarte 15 Jahre jung und zupfte, zusammen mit Fuchsi, Bartschi, Frank und Wolfi in meiner ersten Metal-Band „Antic“ den Bass. Wolfi, unser Keyboarder, hatte sich damals einen Synthesizer mühsam vom Munde abgespart, der heute als Casio CZ-1000 ziemlichen Kultstatus genießt.

Folgt nachbelichtet auf Facebook, Twitter, Instagram, Pinterest und YouTube

Was haben wir mit dem Casio alles geschraubt. Ob der nun Phase Distortion hatte oder nicht spielte keine Rolle. Andere Synthesizer, wie der Roland D50 oder natürlich auch ein Yamaha DX7, waren damals finanziell nicht drin.

Casio CZ1000 Synthesizer

Die Sounds haben wir mit einem Boss Digital Delay verfeinert und da uns das örtliche Gymnasium im Musiksaal proben lies, konnte wird auch immer mal ein Yamaha SPX90 einsetzen. Auf jeden Fall stand vor allem bei mir das Casio im Mittelpunkt es Interesses. Wir wühlten uns mit den Folientasten durch alle Menüs, um bekannten Sounds möglichst nahe zu kommen, was aufgrund der Synthese oft schon unmöglich war. Damals beschäftigte man sich aber noch intensiv mit einem Synthesizer. Die ganzen Plugins fristen heutzutage hingegen oft ein Dasein als Preset-Schleuder.

Der XW-P1 Synthesizer – Verarbeitung und Eindrücke

Zwei Dinge fallen zuerst auf, wenn man den XW-P1 ausgepackt hat: Das geringe Gewicht von nur 5,4 Kilogramm und die recht kompakten Abmessungen. Da der XW-P1 auch mit Batterien betrieben werden kann, dürfte man ihn vermutlich auch in der ein oder anderen Fußgängerzone finden …

Der Casio XW-P1

Außerdem ist das Design ziemlich ungewöhnlich. Hat irgendwie was „retro-mäßiges“ mit seinen orangen Akzenten. Noch ungewöhnlicher ist die breite gummierte Ablage rechts oben, auf der sich entweder ein Glas Whisky, oder aber auch ein iPad sicher abstellen lässt. Gerade bei letzerem regt sich in mir die Begehrlichkeit nach einer Editor-App für den XW-P1 und ich kann mir fast nicht vorstellen, dass diese Ablage eine gestalterische Verlegenheit war …

Wie auch immer. Die 61 Tasten des Casio sind von guter Qualität und spielen sich sehr ordentlich – für den aufgerufenen Preis von 549 Euro sogar erstaunlich gut. Die Verarbeitung ist – auch wieder angesichts des günstigen Preises – bühnentauglich und gut. Einzig die 4 Regler und 9 Fader, die als Zugriegel für die Orgelsounds und als Mixer für die Oszillatoren und Hexlayer-Sounds dienen können, sind etwas wackelig.

Das Display

Beim Display hätte man vielleicht die Kalkulation, zu Gunsten einer etwas aufschlussreicheren Anzeige, nochmal etwas nachrechnen können. Zwar kommt man mit etwas Synthi-Erfahrung recht schnell zurecht, sofern man sich die grundsätzliche Struktur des XW-P1 vorher einmal im Handbuch angesehen hat, Anfänger könnten aber doch etwas länger brauchen, bis der gewünschte Sound gebaut ist.

Sehr viel einfach und schneller lässt sich der Casio aber über die kostenlose Editor-Software bedienen, die zwar nicht besonders hübsch, aber sehr effektiv aufgebaut und für Windows und Mac verfügbar ist. Mit dem Editor lassen sich auch Performances und Presets sichern. Leider kann man (noch) keine Sequenzen über den Editor programmieren.

Ein Überblick über den XW-P1 Editor

 

Apropos Handbuch: Hier werden zwar alle Funktionen beschrieben, aber leider gibt es keine echten Praxistipps, die dem Einsteiger weiterhelfen und der Funktionsumfang des XW-P1 ist doch größer, als mancher erwartet. Auch zeigen die Werks-Presets nicht unbedingt die Möglichkeiten des neuen Casio’s.

Anschlussfreudig

Die Rückseite zeigt sich anschlussfreudig: Netzteilanschluss für das mitgelieferte Netzteil, Kopfhörerausgang, Line-Outs als 6,3mm Klinkenbuchse, Pedalanschluss, ein Audio-In für z. B. einen MP3-Player, MIDI-In und Out, ein Kartenslot für SD-Karten um Presets zu sichern oder einzuspielen sowie eine USB-Buchse, um den Casio mit dem Rechner zu verbinden. Leider wird er darüber nicht mit Strom versorgt – es sind also immer das Netzteil oder Batterien notwendig.

Eine Besonderheit ist der Mic-Eingang samt Pegelregler bzw. der Inst-Eingang. Darüber lassen sich externe Signale entweder mit den Synthesizer-Funktionen verfremden oder aber mit Effekten versehen und mit den Sounds mischen. Damit kann man sich ein externes Mischpult sparen, wenn man auch mal singen möchte.

Der XW-P1 erscheint im Rechner als Generic MIDI-Keyboard/Controller und kann somit auch als Controller-Keyboard für virtuelle Instrumente genutzt werden.

Über den Rechner lässt sich der Casio multitimberal ansteuern, wobei bei 64 gleichzeitigen Stimmen hier natürlich Grenzen setzen.

Die Ausstattung und Klangerzeugung

Die Ausstattung des Casio XW-P1 ist deutlich umfangreicher, als man es bei einem Synthesizer in dieser Preisklasse erwarten würde und geht teilweise schon in Richtung Workstation.

Die Tonerzeugung ist 64-stimmig und wird von Casio mit „HPSS“ (Hybrid Processing Sound Source) betitelt. Dabei besteht die Klangerzeugung aus einem monophonen Solosynthesizer, der sich auf 311 Wellenformen stützt, dazu kommen noch 2158 PCM-Wellenformen für die Soundgestaltung, auf die sich zwei der insgesamt 6 Oszillatoren stützen können. Dazu kommt noch eine Zugriegelorgel, ein Sample-ROM und Drumsounds.

Controller und Taster u.a. für den Step-Sequenzer

Mit der Hex-Layer Funktion lassen sich bis zu 6 Klänge übereinander schichten, was auch recht einfach realisierbar ist. Pro Layer hat man Zugriff auf 788-PCM Wellenformen, welche sich noch in Lautstärke, Cutoff und Hüllkurve variieren lassen. Außerdem können Hall und Chorus pro Layer eingestellt werden.

An Bord befindet sich ein Arpeggiator, der neben den üblichen Bewegungsmustern insgesamt 100 Presets anbietet und sogar eigene Figuren lassen sich erstellen und in 100 User-Presets abspeichern.

Mit dem Phrase-Sequenzer lassen sich Ideen und Melodien festhalten. Das geht sogar ganz ordentlich, auch wenn man hier es natürlich nicht mit dem Komfort einer ausgewachsenen Workstation zu tun hat. 100 Phrasen  aus unterschiedlichsten Stilrichtungen sind auch schon mit dabei.

Erstaunlich flexibel ist der Step-Sequenzer. Denn dieser besteht aus bis zu 8 Spuren für einstimmige Melodien, einer weiteren Chord-Spur und 4 Tracks für Controllerdaten. Die Bedienung ist einfach, weil man mit den 16 Tasten auf der linken Seite des Casio’s Schritte einzeln ein- und ausschalten kann mit den Zugriegel-Fadern lässt sich entweder die Tonhöhe oder die Lautstärke jedes Steps einstellen.

Natürlich können die Steps auch Schritt für Schritt über die Tastatur eingegeben werden. Es lässt sich sogar die Step-Länge in Viertel, Sechzehntel, Triolen etc. und die Notenlänge einstellen.

Die PCM-Abteilung

Im Tone-Modus lassen sich die verschiedenen Klangerzeuger über 8 Tasten unterhalb des Displays auswählen und das gewünschte Preset über das Drehrad auswählen. Dabei sind 5 der Taster für die schnelle Auswahl von PCM-Sounds vorgesehen und mit Piano, Strings/Brass, Gitarre/Bass, Synth und Various belegt.

Über die 3 anderen Tasten kann man auf den Solosynth-Modus, den Hex-Layer oder die Orgel zugreifen.

Ich sehe die PCM-Sektion ohnehin eher als Draufgabe, aber die Stereo-Pianos sind sogar recht gut, einige Brass-Sounds können überzeugen und die Streicher klingen teilweise herrlich „cheesy“. Allerdings merkt man auch schnell, dass es sich oft um sehr kurze Samples handelt und die Loop-Punkte sind häufig sehr deutlich zu hören. Zum festhalten von Ideen und für Live-Auftritte reicht die Qualität allemal und für’s Recording greift man ohnehin auf Gigabyte-große Sample-Bibliotheken zurück.

Zugriegel

Überzeugen kann die Zugriegelorgel. Hier findet man richtig gut klingende Orgelsounds, die sich über die Zugriegel Fader zudem noch sehr schön variieren lassen, auch wenn die Fader nicht besonders lang sind.

Da ich sehr gerne mal zur Schweineorgel greife und eine verzerrte Orgel noch immer zu meinen Lieblingssounds gehört, bin ich von den Jon Lord-artigen Zerrsounds nicht begeistert. Hier man man nur 3 Stufen für die Verzerrung und jede davon klingt leider sehr synthetisch und eher nach Fuzz.

Auch das Leslie hat man so schon deutlich besser gehört. Aber auch hier gilt: Man sitzt (oder steht) vor einem Synthesizer! Die ganzen zusätzliche Sounds sind nette Zugaben, die ab und zu nützlich sein können, aber der XW-P1 sollte nicht daran gemessen werden.

Der Synthesizer

Die Synthesizer-Abteilung des XW-P1 ist da schon ein ganz anderes Kaliber. Die beiden ersten Oszillatoren liefern die typischen Grundwellenformen Sinus, Rechteck, Sägezahn, Dreieck usw. und können durch PCM-Wellenformen ergänzt werden. Ein externes Signal (über den Mikrofon- oder Lineeingang) kann als fünfter Oszillator genutzt werden, wobei die Tonhöhe des Eingangssignals über die Tastatur transponiert werden kann. Ein Rauschgenerator bildet den sechsten Oszillator.

Die Menge an Wellenformen, die dem geneigten Klangschrauber zur Verfügung steht bietet genügend Futter. In den Bezeichnungen der Wellenformen finden sich viele Hinweise auf bekannte Vorbilder. So dürften Abkürzungen wie JP, MM, OB oder P5 dürften keine allzu großen Verständnisprobleme bereiten. Doch? Okay:

  • AP1/2 – Arp
  • CZ – Casio CZ (das alte Vorbild)
  • JP – Jupiter 8
  • MG – Moog …
  • MM – Mini Moog
  • ND – Nord
  • OB – Oberheim
  • P5 – Sequential Prophet 5
  • SH – Roland
  • TB – Roland
  • VA – Virtuell Analog

Durch diese PCM-Wellenformen als Grundlage für den Oszillator ergeben sich jede Menge interessanter Sounds und Möglichkeiten, die man dem XW-P1 gar nicht zutrauen würde. Der CZ-Veteran findet bei den CZ-Wellenformen dann übrigens auch die typischen Phase-Distortion Wellenformen, für die der CZ damals bekannt und heute noch beliebt ist. Leider hat man die typischen Filter der jeweiligen Vorbilder nicht zur Verfügung, sie diese doch für den eigentlich charakteristischen Sound verantwortlich.

Für jeden der 6 Oszillatoren stehen dann aber gleich mal 3 Hüllkurven jeweils für Pitch, Filter und Amp, 2 LFO’s, ein Filter und ein DSP zur Verfügung. Für alle zusammen dann nochmal eine Hüllkurve für die Summe. Wir haben also mal locker 19 Hüllkurven zur Verfügung, weshalb nun auch klar wird, warum die Editorsoftware eine große Erleichterung beim Schrauben ist.

Mit dem DSP kann man die Sounds mit Compressor, Distortion, Flanger, Chorus, Hall etc. verfeinern.

In der Praxis

Aktiviert man den Performance-Modus, lassen sich 4 Klangfarben gleichzeitig spielen, bzw. über die Tastatur verteilen. Diese können aus allen Bereichen, also Solo-Synth, Hex-Layer, PCM usw. gewählt werden. Auch kann man die Einstellungen des Arpeggiators oder Step-Sequenzers in der Performance speichern.

Die Sounds des Casio sind recht druckvoll und klingen meist sehr durchsetzungsfähig, haben aber auch immer etwas „Dreck“. Auch der Cutoff-Regler der Filter arbeitet (leider) nicht stufenlos und es sind – je nach Sound und Regelgeschwindigkeit – Abstufungen deutlich hörbar. Ist „Virtuell Analog“ an jeder Hausecke anzutreffen, trifft es beim XW-P1 nicht so ganz zu, denn es wurde meiner Meinung nach nicht unbedingt versucht, ein analoges Vorbild zu emulieren – dazu gibt es an manchen Stellen auch zu wenig Eingriffsmöglichkeiten.

Allerdings mag ich den Sound insgesamt sehr. Viele neigen dazu Synthesizer nach den Werkssounds zu beurteilen. Diese sind meist extrem effektbeladen, mit heftigen Bässen und glitzernden Höhen. Für sich alleine klingt sowas immer sehr eindrucksvoll. In einem Song ist das aber meist sehr hinderlich, weil sich das Instrument nicht mehr in das Arrangement einfügt.

Durch den etwas rotzigen Sound des Casio’s hat man den großen Vorteil, dass sich dieser immer durchsetzt ohne dominant zu wirken. Selbst wenn man den Bässen mit einem Hochpass-EQ entgegnet, um Headroom im Mix zu schaffen und die Höhen mit einem Tiefpass beschneidet, ist der XW-P1 immer präsent. Ich mag den grundsätzlichen Charakter – er ist oft ein bisschen LoFi und das finde ich sehr erfrischend.

Durch das, nach heutigen Standards sehr kleine Display, muss man sich schon erst einmal etwas einarbeiten, bis man den XW-P1 zügig editieren kann. Allerdings ist man bei Hardware irgendwie eher bereit sich längere Zeit einzuarbeiten, als bei einem Plugin – so ist es zumindest bei mir. Allerdings nutze ich ohnehin nur wenige Plugins, diese aber sehr intensiv.

Fazit

Ich finde den Wiedereinstieg von Casio in den Synthesizer-Markt sehr gelungen, zumal man für den Straßenpreis von 549 Euro wohl kaum eine ähnlich ausgestattete Alternative finden dürfte. Der XW-P1 klingt im besten Sinn eigenständig und hat wirklich Charakter, auch wenn dieser vielleicht nicht jeden Anspricht. Ich mutmaße einfach einmal, dass Casio hier bewusst etwas auf „retro“ und rotzig gemacht hat.

Casio könnte den Kaufanreiz vermutlich nochmal deutlich erhöhen, wenn es eine iPad App zum editieren von Sounds geben würde. Damit hätte die Gummiablage rechts eine echte Aufgabe und Mehrwert.

Es bleibt zu hoffen, dass das nicht der einzige neue Synthesizer (neben dem Bruder XW-G1) von Casio war, denn so darf man gerne weitermachen.

Mach mit: Teile diesen Beitrag!
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.